Wenn ICH es sage, bin ich auch eine Schlampe, aber NUR dann!

Das Problem mit der Fremdbezeichnung und der Selbstbezeichnung.
Ich sitze in einem Café mit Freund_innen und wir unterhalten uns über Kreuzberg. Es geht um Kindheitserinnerungen und Liebschaften. Eine von uns erinnert sich, irgendwann einmal um die Ecke in einem fremden Bett aufgewacht zu sein. Ein schnippischer Kommentar von der einen Ecke, eine Reaktion mit Folgen von der Erzählerin: „Ach, aber Debs ist doch die Schlampe von uns.“ In meinem Kopf passiert folgendes: Ich ärgere mich, ich denke kurz darüber nach es zu übergehen, ich entscheide mich dagegen.
Eine kurze und unterkühlte Nachfrage was mich denn zu einer solchen machen würde, bringt in etwa folgende Antwort: Naja, weil ich ja mit so vielen Frauen schliefe, aber das sei ja nicht negativ gemeint, das wäre mehr ein Spaß. Meine Reaktion: „Lustig und sooo wertneutral!“
Die Tischecke, die den Dialog bisher eher zurückhaltend beäugt hat, schaltet sich ein und versucht zu schlichten: „Naja, aber Aktionen wie der Slutwalk wollen ja genau das. Eine Neubesetzung solcher Begrifflichkeiten.“ Die Erzählerin: „Genau! Ich könnte mich ja auch als Schlampe bezeichnen“ Richtig. Du „könntest“ -Konjunktiv- Du tust es nicht. Und wenn ICH mich als Schlampe bezeichnen würde, wäre das auch okay.
Warum legitimieren Selbstbzeichnungen andere nicht dazu einen ebenso zu betiteln? Weil eine Fremdbezeichnung eine Fremdbezeichnung ist/bleibt und Schlampe einfach noch immer kein wertneutraler Begriff ist!  Darüber hinaus bezeichne ich mich selbst ja nicht mal als solche! Es wäre ja nicht böse gemeint gewesen und sie hätte nicht gedacht, dass ich so empfindlich bin.
Hier passieren zwei Dinge: erstens, weil ich mich gegen einen Begriff wehre, bin ich empfindlich. baaam! Meine Verletzung wird als MEINE Schwäche ausgelegt. Hätte ich mal lieber drüber gelacht.
Zweites wird davon ausgegangen, dass Bezeichnungen, die sich Menschen selbst geben, einfach auch von anderen genutzt werden dürfen. Irrtum!
Ich darf mich als „dick“ bezeichnen, der fremde auf der Straße nicht! Ich darf mich als „die Jüdin“ bezeichnen, die Mutter einer Freundin nicht! Ich dürfte mich als Schlampe bezeichnen, Du darfst es NICHT! PUNKT!

Denn was in der Selbsbezeichnung okay ist, kann als Fremdbezeichnung trotzdem sexistisch, rassistisch, diskriminierend und verletzend sein! Ob‘s Dir passt oder nicht!

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