Nachtigall ick hör Dir zwitschern

Die #aufschei-Aktion auf Twitter schlägt große Wellen. Sexismus offenlegen und dagegen aufbegehren, das ist das Ziel. Durch das Medium Internet rückt sexualisierte Gewalt in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesse und schafft Raum darüber zu reden. Was empowernd und ermutigend sein soll, löst bei mir das Gefühl von Verunsicherung aus. Aller Welt scheint dieser Tage klar zu sein, dass übergriffiges Verhalten und sexualisierte Gewalt furchtbar sind. Und ich stehe dazwischen mit tausend Fragen und dem Gefühl damit allein zu sein.
Bin ich denn die Einzige die viele Jahre der schmerzhaften Dekonstruktion hinter sich bringen musste, um zu verstehen, dass Sexismus kein Kompliment ist? Bin ich die Einzige, die Jahre lang dachte, dass meine Attraktivität an der Gewalt, die mir begegnet, zu messen ist? Bin ich die Einzige, die ganz unbewusst ihren Selbstwert an den Übergriffen, die sie erfahren hat, geknüpft hat?Und wenn es allen Mensch da draußen schon immer klar war, warum hat mir dann nie jemand geholfen? Warum hat mir nie jemand gesagt, dass ich das Alles nicht über mich ergehen lassen muss, um etwas wert zu sein, schön zu sein, begehrenswert zu sein? Warum  werde ich dann nicht ernst genommen, wenn ich vor Fassungslosigkeit fast in Tränen steh, weil mir von einem Typen ungefragt Einkaufstüten abgenommen werden? Warum wird es als lachhaft empfunden, wenn es mich wütend macht, als  „Frau“ um „besonders sensiblen“ Rat gefragt zu werden?
Ich sehe Eure Tweets und ich bewundere Euren Mut all die Dinge zu benennen, die Euch passiert sind. Aber ich finde in der Diskusion drum rum nicht das wieder, was mich so beschäftigt und ängstigt: Ich fühle mich  nicht nur von den Männer bedroht, sondern genauso von den Strukturen, die für Sexismus und dessen Verschleierung verantwortlich sind.
Es macht mir nicht nur Angst, dass meine Grenzen überschritten werden, es macht mir Angst, dass die Welt drum rum den perfekten Nährboden dafür bietet. Nicht nur vor der Gewalt fürchte ich mich, sondern auch vor den Menschen die sie nicht sehen, sie nicht ernst nehmen.
Nicht nur die Übergriffe verunsichern mich, sondern vor Allem der Kampf gegen den internalisierten Irrglaube, ich müsste es als Kompliment sehen, dass Menschen mich „attraktiv“ genug finden, um sich meiner zu bemächtigen.
Es löst Panik und Schmerz und Hilflosigkeit in mir aus, wenn mir klar wird, dass ich gelernt habe, einen Teil meiner Selbstwahrnehmung und meiner Identifikation aus dieser Gewalt heraus zu beziehen. Ich musste lernen mich neu zu definieren, als ich beschlossen habe, das nicht mehr zu wollen. Und ich war verunsichert, fühle mich orientierungslos.
Aber für Euch da draußen scheint das Alles selbstverständlich zu sein. Niemand redet von diesem Schmerz, dieser Unsicherheit, dieser Angst, die ich empfunden habe.
Und bei dem Gedanken ich könnte vielleicht wirklich die Einzige sein, der es so schwer viel sich davon zu lösen, steigt Scham  in mir auf, denn für Euch scheint Alles so klar zu sein.
Und dann kommt die Wut, weil ich merke, dass ich es den meisten von Euch nicht glaube.

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3 Gedanken zu “Nachtigall ick hör Dir zwitschern

  1. ich bin mir noch nicht sicher, ob ich alles verstehe was du schreibst bzw. ob ich gerade alles einordnen kann was du schreibst.
    mir springen verschiedene punkte ins auge, weil ich aber noch ein wenig brauche um zu sortieren und zu überlegen will ich nur kurz einen herausgreifen:

    bist du alleine damit dass du lernen musstest übergriffe nicht als kompliment zu begreifen?

    – damit bist du ganz sicher nicht alleine. wenn ich mir das bezüglich der #aufschrei aktion überlege würde ich denken dass

    a. die die (immer noch) übergriffe als komplimente verstehen, weil es ja genau das ist, was gerne als legitimation für übergriffe herhalten soll, werden vielleicht nicht so viele geschichten auf twitter teilen / nicht aktiv an der aktion mitwirken?

    b. die die das gelernt haben, darum wissen, ihre geschichten teilen. der weg dorthin, das eigene empfinden, die eigene sensibilität, das eigene lernen, hinschauen, verstehen, das alles ist wahrscheinlich in diesen kleinen 140 zeichen geschichten enthalten, aber nicht sichtbar.

    ich denke nicht dass du diese gedanken alleine hast, sondern das vielleicht sogar die meisten das haben. das ist ja teil der struktur, des systems sexismus. dass es nicht nur schwer ist, sich äußerlich zu wehren, sondern auch insbesondere innerlich. das innerlich ist nur oft nicht so sichtbar wie das äußere.
    ich glaube die verunsicherung kennen viele_die meisten.

    ich kann deine scham und deine wut gut verstehen und gut nachvollziehen. damit bist du nicht alleine, es ist nur z.t. sehr schwer darüber im detail zu sprechen, jedenfalls für mich.
    deswegen hier an dieser stelle nur dieser kurze teil-kommentar und die versicherung, dass du nicht alleine bist. vielleicht mal mehr an anderer, nicht so öffentlicher stelle 😉
    L

    1. Der Text ist in etwa so diffus, wie ich mich fühle. Aber letzendlich geht es mir zum Einen darum dem Empfinden Ausdruck zu geben, dass die Auseinandersetzung mit Sexismus, wie sie gerade stattfindet an vielen Stellen so unerträglich oberflächlich zu sein scheint und die Strukturen und die gelernten Orientierungspunkte dahinter nicht mitgedacht werden.
      Zum anderen scheint es immer nur zwei Möglichkeit zu geben: es ist mir klar, dass diese ganze Dreckscheiße zum Kotzen ist oder es ist mir nicht klar . Der ganze schmerzhafte Prozess dazwischen wird nicht benannt und ich fürchte damit geht viel Raum, Indentifikationsmöglichkeit und eine Chance auf Nachhaltigkeit in dieser öffentlichen Auseinandersetzung verloren.

  2. Es ist absolut verständlich für mich, was Du schreibst, bis auf das mit dem Schönsein wollen, weil hm, ich nicht genau weiß, was Du damit meinst. es gibt viel zu sagen, aber ich scheu mich noch immer manches auszusprechen (oder scheu mich wieder?)

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