Bist Du noch ganz normal?!

„Normal“ ist ein Wort, das in meinem Leben sehr oft fällt. Besonders häufig im Bezug darauf, dass ich es nicht bin. Was so ein Begriff und der Umgang mit diesem für eine Lebensrealität wie meine bedeutet, darum soll es hier gehen.

Es hat damit angefangen, dass meine frühe Kindheit als Kind einer psychisch erkranken Mutter ziemlich unstet war. Häufige Wechsel in der Zuständigkeit und der Bezugspersonen, ständiges umziehen und wiederkommen, hatten zur Folge, dass meine Mutter oft zu hören bekam, dass eine „normale Entwicklung“ bei mir nicht zu erwarten sei. In Gutachten aus dieser Zeit ist zu lesen, dass davon auszugehen ist, dass durch „mangelnde Normalität“ Defizite bei mir unausweichlich seien. Wenn meine Stiefmutter erzählt, wie sie mich das erste Mal gesehen bzw. erlebt hat, fallen Sätze wie „Du konntest nicht mal eine Runde um den Block laufen. Normal war das nicht“ oder „dass Du bei Deiner Lebenssituation kein normales Kind sein konntest, war mir klar, aber dass es so schlimm ist, hatte ich nicht erwartet.“.
Nachdem meiner Mutter verstorben war, kam ich als 9jährige nach Berlin. Hier war in meinem Zeugnis zu lesen, dass mein Sozialverhalten unter „normalen Bedingungen“ wahrscheinlich anders zu bewerten sei. „Normale“ Bedingungen waren solche, in denen sich die Mutter  nicht gerade das Leben genommen hat oder das Kind nicht gerade die Stadt wechseln musste oder nicht zu einem ihm bis dahin quasi unbekannten Vater kommt. Von Kindern mit „normalen“ Familienverhältnissen, kann mensch nämlich „normales“ Verhalten erwarten. (insert kraftvollen, gern auch beleidigenden Ausruf). Im Umkehrschluss, sind „nicht-normale“ Familienverhältnisse, allerdings zwar als Erklärung für „nicht-normales“ Verhalten erlaubt, nicht jedoch dadurch entschuldigt. Als Beispiel dafür dient eine andere häufig wiedergegebene Erzählung meiner Stiefmutter, die beinhaltet, dass ich als Grundschülerin unerträglich gewesen sei, weil ich mich permanent für etwas besseres gehalten hätte. Das sei soweit gegangen, dass sie sich bei Elternabenden für mich geschämt habe (weil nicht „normal“). Dass dies eine Reaktion auf diese Stigmatisierung sein könnte, ist niemanden in den Sinn gekommen. Denn wenn schon nicht „normal“ dann wenigstens besser. Heute beschreibe ich mich oft selbst als Leistungsjunkie. Zum einen mag das daran liegen, dass „Leistung“ im Sinne von Viel gut können, bei mir in der Familie als Wertmaßstab galt, zum anderen ist es aber auch als Bewältigungsstrategie zum Umgang mit dem „Nicht-normal-sein“ zu verstehen. Wenn ich schon nicht der sagenumwobenen „Norm“ entspreche, dann wenigstens nach Oben hin.

Zu meiner „abnormalen“ Entwicklung und meinen nicht als „normal“ betrachten Familienverhältnissen, gesellte sich also noch ein nicht „normales“ Sozialverhalten in der Schule. Aber damit nicht genug. Je älter ich wurde, desto dringlicher wurde es für erwachsene Menschen in meinem Umfeld sich darüber Gedanken zu machen, wie ich zu einem „normalen“ Körpergewicht kommen könnte. Denn dieses galt als Auslöser für meine „nicht-normale“ Körperentwicklung (Heute weiß mensch es lag an meinen „nicht-normalen“ Hormonen). Meine Proportionen stimmten nicht, bestimmte Körperteile waren zu ausgeprägt, andere nicht ausgeprägt genug und monatlich bluten wollte ich auch einfach nicht. Dazu kam, dass einigen Lehrern auffiel, dass meine Interessen nicht „normal“ seien für eine Heranwachsende. Die Bravo fand ich doof, Kunstbände zur Ostasiatischer Kunst spannend. Die Sorge war, dass mir zum Einen das „normale“ Interesse an Sexualität fehlt und zu Anderen der Anschluss zu meinen Mitschüler_innen.

Mit 14 hatte ich dann folgendes vorzuweisen: Zusätzlich zu meiner „nicht-normalen“ Entwicklung, den „nicht-normalen“ Familienverhältnissen und dem bedenklichem Sozialverhalten, waren nun auch mein Körper, meine sexuelle Entwicklung, meine Interessen „nicht-normal“.

Dann gingen die Träume los, in denen ich keine Jungs, sondern Mädchen küsste. Sie hatten also recht: NICHT „normal“.
Ich fing an mir mit einigen Freund_innen die Selbstbezeichnung „Freak“ zu geben, denn dass wir irgendwie aus der Klasse raus fielen, war offensichtlich und für viele bedenklich. Zusätzlich wurde es „zuhause“ immer schwieriger und auch Mitschüler_innen bekamen mit, dass bei mir in den vier Wänden nicht alles ganz „normal“ läuft.  Ich lief durch die „Nicht-Normal“-Hölle (wie die meistens Teenies) und versuchte mit jeder Faser meines Körpers so „normal“ wie möglich zu sein.
Die eigene Vermutung nicht auf Jungs* und später auf Männer* zu stehen, war so unerträglich, so nicht der Norm entsprechend, dass ich es für nötig hielt mir selbst Gewalt anzutun und mit möglichst vielen Typen ins Bett zu gehen. In der Verzweiflung wenigstens ein Bisschen „normal“ sein zu wollen, einmal nicht anders zu sein, mal zu einem Kollektiv gezählt werden zu können, habe ich mich selbst verstümmelt, in dem ich mir mein Begehren versagt und mich zu Dingen, die mir nicht entsprechen gezwungen habe. Das war für alle gleich viel beruhigender.

Mit 18 kam ich dann in die Psychiatrie. Das ist der Inbegriff von „nicht-normal“! Ich hatte das Gefühl, dass mein Aufenthalt dort mir unwiderruflich das Dasein als „Freak“, als „Abnormale“ auf die Stirn stempelt. Es war nun offiziell.  Nebenbei wurde meine mustergültige Schullaufbahn in eine „nicht-normale“ umgeschrieben. Meine Sexualität (sowohl wie als auch wen ich liebe) wurde als Symptom gedeutet, alles nicht-normative als Auslöser oder Folge, aber immer als Problem interpretiert.
Ich fing an in Sätzen wie „normalerweise bin ich ganz anders“ zu erklären, dass ich „normaler“ sei, als es den Eindruck macht. Und Menschen, die mich in diesen Zusammenhängen neu kennenlernten und ihrer Sympathie Ausdruck verleihen wollten, taten das mit Aussagen wie „also dafür(für was auch immer) wirkst Du ziemlich normal. Frustrierender Weise habe ich es meistens nicht mal bis  „bist Du normal“ sondern nur bis zum „wirkst Du ziemlich“ geschafft.

Irgendwann habe ich angefangen bestimmte Geschichten vorwegzunehmen, um dem Schockmoment meines Gegenübers zu entgehen, wenn sie_er feststellt, dass ich und meine Leben gar nicht so normal sind, wie wir unverschämter Weise oft wirken.
Denn zu lernen, dass scheinbar nichts, aber auch wirklich gar nichts, das mit mir zu tun hat irgendwie normal ist/sein kann und die Feststellung meines Umfeldes, dass ich für die Gegebenheiten dennoch ziemlich normal wirke, hatte fatale Folgen. Es löste die permanente Angst aus, als Hochstaplerin angeklagt zu werden. Ein Mängelexemplar, eine Abnormale, eine Entartete, die sich nicht als solche zu erkennen gibt.

Denn nicht „normal“ bedeutet nicht nur anders. Es bedeutet: nicht normal – nicht wertvoll. Nicht normal- nicht gut. Nicht normal- krank. Nicht normal – nicht wie wir. Nicht normal- nicht richtig. Nicht normal – nicht normal.

Die Gefahr an dem Wort „normal“ ist die scheinbare Banalität mit der es daher kommt. Die Begriffe Norm und Normativität  dienen inzwischen oft  der kritischen Betrachtung. „Normal“ dagegen wird wesentlich seltener in Frage gestellt. Denn es ist ja auch die „normale“ Milch und nicht die Kuhmilch.

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8 Gedanken zu “Bist Du noch ganz normal?!

  1. Schon interessant wie „normalität“ oft mit „gut“ gleichgesetzt wird oder eben „unnormal“ mit „schlecht“. Dabei sagt es doch erstmal gar nichts aus, ausser vielleicht einen statistischen Wert. Es ist auch normal, sich im jahr 3x zu erkälten, trotzdem habe ihc noch nie jemanden im dezember sagen gehört „verdammt, ich muss mich noch erkälten, ich war dieses jahr noch nicht ausreichend krank“.

  2. fuck normality.
    irgendwie erinnern mich einige teile des textes sehr an mich selbst.
    ist depressing dass dieser gesellshaftliche druck einer imaginierten norm anzugehören menschen kaputt macht ich weiß wie sehr ich mich gehasst habe dafür dass ich ich war, bin.

    irgendwann aber habe ich beschlossen keinen fuck mehr zu geben-das zu lernen is nicht leicht und rückfälle gibts immer wieder aber was solls. besser las früher isses allemale.

  3. Habe mich (auch als in fast jeder denkbaren Weise privilegierter Mensch) in Ihrem Text wiedergefunden. Vielen Dank dafür!

  4. Danke für diesen Text! Er veranschaulicht sehr gut, welcher psychische Druck mit dem Wort „normal“ ausgeübt werden kann. Auch die sehr gebräuchliche Gleichsetzung von „normal“ und „gut“ ist mir sehr vertraut. Mir kamen da beim Lesen auch so ein paar Erinnerungen hoch.

    Zum Glück habe ich mich mittlerweile auch weitgehend mit meinem „Nicht-normal-sein“ arrangiert.

    Toller Text!

  5. Liebe Debs, nach diesem Post habe ich das Gefühl, ich müsste dich unbedingt mal kennenlernen.

    Bei uns zu Hause war immer alles ganz „normal“. Bis meine Mutter sich das Leben nahm. Da haben dann plötzlich alle gesehen, dass es wohl doch nicht so „normal“ war bei uns.
    Aber da war ich glücklicher Weise schon erwachsen. Aber ich war immer ganz wahnsinnig „normal“ und bin es auch heute noch.

    Es tut mir leid, dass du das so früh erleben musstest. Für mich war es so selbst als Erwachsene noch schrecklich genug.

  6. Wichtiges Thema, vielen Dank – insgesamt ein sehr guter Blog.

    Ich bringe es für mich mal auf den Punkt:
    Dass, was in einer Welt des Wahnsinns als „normal“ gilt, kann keinesfalls dem dienen, was gesunden Menschen als vernünftig-gut gilt. Und wer schon mal etwas und möglichst etwas mehr sein Unnormal-Sein fühlen kann, bewegt sich dort, wo die Hoffnung wächst.

    Herzliche Grüße von mir.
    Wolfgang

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