Von der Liebe, der Gesellschaft und der Monoagapanie

Ich bin wochenlang mit dem Gefühl durch die Gegend gelaufen unfassbar und unglücklich verliebt zu sein. Die ganze Zeit Herzschmerz, die ganze Zeit Sehnsucht. Das Bedürfnis nach Nähe. Die Schmetterlinge im Bauch. Das Herzklopfen. Lieder, die Gefühlschaos auslösen, Orte die ich gerne teilen würde, Momente in denen ich innerlich kleine Liebesschwüre säusle. Meine Gedanken kreisten nur um eine Frage: wann wird mir endlich klar worum es hier geht?
Denn so (unglücklich) verliebt ich mich auch fühlte, ich hatte keine Ahnung, wem diese Gefühle gelten sollten. Meine Liebesschwüre gingen an keine konkrete Person, ich wusste nicht mit wem die Momente teilen. Ich wusste auch nicht, wohin mit den Gefühlen, denn gestehen konnte ich sie ja niemenschen.
Ich habe überlegt und überlegt. Bin ich in eine Person in meinem Umfeld verliebt und gestehe es mir nicht ein? Oder bin ich in eine Person verliebt und weiß es einfach tatsächlich noch nicht? Geht es um den besten Freund, der den Kontinent verlässt, um die Sorge um eine gute Freundin. Tarnen sich meine Verlustängste als Liebeskummer?

Denn eigentlich führe ich seit einiger Zeit eine sehr sehr glückliche Beziehung. Diese ist geprägt von Fürsorge, Verständnis, Liebe, sexueller Anziehung, von Vertrauen. Sie ist sehr liebevoll, respektvoll, ohne Erwartungshaltungen, so gut es geht urteilsfrei und ich führe sie mit mir. Für viele Menschen ist es irritierend, dass nicht eine „externe“ Person Subjekt meiner Liebe, Sorge und Begierde ist, sondern ich. Dass ich darin aufgehe mich liebevoll um mich zu kümmern, mit mir selbst sehr glücklich bin. Denn die Gesellschaft sagt etwas anderes. Sie behauptet es bräuchte eine zweite Person um glücklich zu sein, bzw. um sich ganz(heitlich) zu fühlen. Sie behauptet in Filmen, in der Werbung, in Büchern, in Geschäften, dass primärer Lebensinhalt die Suche nach der „besseren Hälfte“ sein muss. Die „bessere Hälfte“ als Teil einer Partnerschaft die zwingend aus ZWEI Beziehungsteilnehmer_innen besteht und eine allumfassende Exklusivität voraussetzt. Dass sich diese Verbindung auch noch in eine „männliche“ und eine „weibliche“ Hälfte einteilen lassen sollte, versteht sich von selbst.
Nun ist es so, dass ich, selbst wenn ich eine „outgesourcte“ (damit meine ich eine außerhalb von mir befindliche) Beziehung führen würde, ich niemals in der Lage wäre auch nur eines dieser, als erstrebenswert suggerierten, Merkmale zu erfüllen. Ich bin also in den Augen der mich umgebenden hetero-normativen Allgemeinheit zu einem einsamen und unglücklichen Leben verdammt.
Ich merke, dass mir dieses Ideal von dieser Art partnerschaftlicher Liebe als Lebensinhalt enorm zusetzt und dass die Verständnislosigkeit, warum zum Teufel ich „allein“ sei (was ich ja nicht bin) an meinem Gemüt nagt.

Dazu kommt, dass viele Menschen mit Beziehungen einen generellen Anspruch auf Sex und Nähe verbinden. Beziehung als Nähe-Abo, als Intimitätsflatrate.
Natürlich brauche auch ich Nähe und Intimität. Diese kann ich mir zum Teil selbst geben, manchmal aber eben nicht. Und dann zu schauen, wo mir diese Wärme, Geborgenheit oder unter Umständen auch einfach nur der gewünschte Körperkontakt zuteil wird, bedeutet unter Umständen etwas warten zu müssen und diesen Bedürfnissen nicht sofort nachkommen zu können. Manchmal tut das weh. Und dann wünsche ich mir für einen Moment auch eine Zärtlichkeitsdauerkarte. Dann schwirren Sehnsüchte durch den Raum und plötzlich fühle ich mich verliebt. Ganz furchtbar unglücklich verliebt.
Der Witz ist, in einer Beziehung die ich führen würde, gäbe es diesen automatischen Anspruch, diese selbstverständliche Konsumhaltung gegenüber (körperlicher) Nähe nicht. Ich möchte keine zwischenmenschliche Beziehung mit Gewohnheitsrecht. Möchte nicht, dass eine oder mehrere Personen glauben aufgrund eines Beziehungsstatus‘ eine Erwartungshaltung in Bezug auf Sex oder Nähe einnehmen zu dürfen. Ich hatte das und das war ätzend. Der Glauben, dass Liebe/ Partnerschaft/ (insert soziales Konstrukt Deiner Wahl) eine Garantie für (sexuellen) Kontakt sei, ebnet den Weg dafür eigene und fremde Grenzen zu überschreiten. Ein Grund mehr weiterhin, trotz Nähebedürfnis, auf eine Partnerschaft (ganz abgesehen, dass ich ja immer noch nicht wüsste mit wem) zu verzichten und sich stattdessen dem, aufgrund von gesellschaftlich geprägten Bildern, ab und an aufblühenden Liebeskummer zu stellen. Denn ich weiß, ich bin eigentlich nicht unglücklich verliebt, ich bin unglücklich, weil mir sobald ich den Laptop aufklappe, die Haustür verlasse, die Zeitung aufschlage, suggeriert wird, es könnte gar nicht anders sein. Weil die Liebe wie ich sie lebe und leben will nicht anerkannt ist. Weder die monoagapane¹ Lebensweise, noch meine Vorstellungen von Beziehung, als nicht hetero-normatives, nicht exklusives, nicht zwingend zweisamkeitsbetontes, nicht Sex voraussetzendes Zuschreiben einer emotionalen Wertschätzung.
Ich habe Liebeskummer, weil die Liebe wie sie in unserer Gesellschaft verlangt und erwartet wird, in mir diesen Kummer verursacht!

¹ (wer jetzt über das Wort „monoagapan“ stolpert, sei beruhigt, es ist ein Neologismus um meine Beziehung zu mir selbst zu betiteln: mono  – einzig/allein, agapan – Liebe. Also die Alleinliebe. Monogam ist ja seltsamerweise schon mit geschlossenen Zweier-Konstellationen besetzt)

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17 Gedanken zu “Von der Liebe, der Gesellschaft und der Monoagapanie

  1. Du bist nicht allein!

    In der Soziologie wird seit langem das Phänomen der Vereinzelung debattiert. Der Zweisamkeitspropaganda steht also eine große gesellschaftliche Bewegung gegenüber, die ein anderes Model lebt. Die Gefühle, die aus der sozialen Konstruktion der zwischenmenschlichen Nähe entstehen, kann mensch sich durch den Markt entledigen. Auch menschliche Nähe ist käuflich!

  2. Deine Formulierung „Beziehung als Nähe-Abo“ ist super! Das drückt ziemlich genau das aus, was ich an einer Beziehung toll finde – vor allem dann, wenn beide Partner hier ähnliche Vorstellungen haben. Genau das ist es! Wobei mir die Begriffe „Vertrautheit“, „Achtung“, „Interesse aneinander“, „gegenseitige Anregungen“, „einander zuhören“ und „Freude aneinander“ auch wichtig sind. Aber eben auch: „Nähe-Abo“. Perfekte Formulierung, danke dafür! 😀

    Wenn du dir selbst in jeder Bezieung genug bist, so auch als Beziehungspartner, Sexualpartner und Nähepartner:

    Dann ist doch alles supi!

    Ich schätze, etwa die Hälfte aller Großstadtbewohner_innen sind allein, und der Anteil derjenigen darunter, die damit überwiegend zufrieden sind, ist sehr hoch. Und so banal dieser Befund ist bzw. sein sollte, so akzeptabel das Alleinsein also auch sein sollte: Dennoch gibt es in unserer Gesellschaft einen gewissen Druck in Richtung Paarbeziehung.

    Das ist ein Problem und auch da gebe ich dir recht. Da spielt wohl auch rein, dass Singles bzw. „Alllein-Existenzen“ tendenziell als defizitär wahr genommen werden, als Menschen, die „zu unattraktiv“ sind oder als Menschen, die anderen Menschen gegenüber besonders kompromisslos sind. Ich wünschte mir, vor allem wenn ich allein bin, ich könnte mich von diesen Vorstellungen frei machen. Das gelingt mir aber nicht, zumal ich mich selbst tatsächlich als defizitär empfinde. Mir tut es nicht gut, allein zu sein – und ich bewundere dich sehr dafür, dass das für dich nicht gilt. Ein kleiner ideologischer Vorteil geht damit einher, denn du kannst auf diese Weise eine in jeder Beziehung konsequente und durch keine Störungen gehinderte Feministin sein – erfahrungsgemäß korrumpieren heterosexuelle Paarbeziehungen in vielen Fällen den Weg von Aktivistinnen als radikale kompromisslose Feministin.

    Das kann doch nicht erstrebenswert sein, oder?

    Dafür, dass du gezielt ein Leben ganz ohne jegliche Beziehungen oder Nähe zu anderen Menschen verbringen willst und kannst, verdienst du Bewunderung.

    Ich kann das nicht. Dafür bin ich zu schwach, und auch: zu sehr an anderen Menschen interessiert. Ich finde fast jeden Menschen spannend. Mit einer einzigen Ausnahme habe ich alle meine Beziehungen als spannend und ausgesprochen gewinnbringend empfunden. Wie übrigens auch meine Partnerinnen – es gab nur eine tendenziell hässliche Trennung. Dafür jedoch, dass es mir so schwer fällt, allein zu sein, dafür, dass das Alleinsein mir so große Probleme bereitet, dafür hasse ich mich beinahe.

    Und umgekehrt: Bewundere ich dich, der genau dies federleicht fällt.

    1. An dieser Stelle frage ich mich, ob Du meinen Artikel überhaupt gelesen hast…
      Nähe-Abo ist in keiner Weise positiv gemeint und ich bin auch nicht unabhängig von Nähe und Beziehungen.
      Ich führe Beziehungen zu vielen Menschen, von denen ich auch Nähe bekomme. Nur bin ich bewusst kein Teil einer Partnerschaft.

  3. Das Wort ist aus grammatischen Gründen unrichtig gebildet; unter anderem, weil es auf einem Infinitiv statt eines Partizips aufbaut. Das korrekte gibt es bereits: Autoerotik.

    1. „Autoerotik“ ist genau das Wort, das ich vermeiden wollte. Bei dem Wort „Erotik“ schwingt vieles mit, was nicht das trifft wovon ich rede. Aber ich hoffe nach dem kleinen Grammatikexkurs fühlst Du Dich jetzt besser. Ich tu es nämlich mit meiner Wortneuschöpfung 😉

  4. Ja, das kann ich nur teilen und ich finde den Neologismus „monoagapan“ wunderbar. Komischerweise überkam mich oft in höchst glücklichen Beziehungen ein Zustand des „Unglücklichseins“, denn oftmals fühlte ich mich in Beziehungen nur noch als Beziehungsteil existent. Freunde und Verwandte machten aus zwei eins. Und irgendwie ließ sich für mich dieses eins dann so schlecht aufrechterhalten. Nach etlichen gescheiterten Beziehungsversuchen ist die schönste Erkenntnis, dass das eins in so vielen, erfüllenden Relationen zu anderen steht und dass diese Vielfältigkeit viel mehr dem eins zugute kommt und dass es „very happy“ in diesem vermeintlichen „unhappy“-Zustand sich selbst am besten auslebt.

  5. Du hast recht, aus meiner Sicht, wenn du sagst, dass feste Partner_innenschaften den Weg für Grenzüberschreitung ebnen (können). Ich befinde mich gerade in einem Konflikt, der genau daraus entstanden ist. „Du musst einfach vertrauen, wir sind ja schon (insert Zeitraum) zusammen!“, „Du musst wissen, wann ich umarmt werden will, und mir das dann auch geben!“, „Du musst beim Sex weniger gehemmt sein und (insert was-immer-euch-einfällt) tun/lassen!“. Ich habe mich entschieden, diese (trotz hier komprimierter Darstellung nicht bestimmenden) Anteile meiner Partner_innenschaft in Kauf zu nehmen, weil mir sowieso jeder Mensch wie ein_e Grenzüberschreitende_r vorkommt und ich innerhalb dieses noch wohltuenden Partner_innenschaftskonzeptes erstmal meine ganz eigenen troubles damit lösen will – eben im Konflikt! Grenzen ziehen und einhalten, trotz Zwei-/Mehrsamkeit.
    Im Augenblick – wenn ich meine Erfahrung so nochmal nachdenke- habe ich wenig Hoffnung. Weil mir „sowas“ einfach nicht passieren soll. Nähe, Körperkontakt „Müssen“- nicht einmal so minimal, wie real von mir gefordert wurde. Aus Prinzip.

  6. Danke für den Artikel! Auch ich erlebe es in meiner Umgebung als selbstverständlich, dass man nur zu zweit mit einem Partner oder einer Partnerin glücklich sein kann und alles andere gar nicht erst in Erwägung gezogen wird. Ich bin und fühle mich aber nicht als die Hälfte eines Ganzen, der die andere Hälfte fehlt. Ich bin meine bessere und auch meine schlechtere Hälfte. Beziehung wäre damit nur mit einem anderen ganzen und damit ziemlich unabhägigen Menschen möglich. Aber halt nicht notwendig. Ich bin mit mir selber auch so glücklich.

  7. Monoapaganie – schöne Neologisme.
    Auch ich erlebe in den Phasen des Schmerzes (wenn meine Bedürfnisse unerfüllt bleiben) große Zweifel. Dann frage ich mich manchmal: Möchte ich wirklich keine „feste“ Beziehung? Rede ich mir meine glückliche Beziehung zu mir selber schön, nur weil ich gerade keineN PartnerIn habe? (Und ich ertappe mich immer noch bei dem besch***enen Gedanken, dass meine PartnerInnenfreiheit nach außen signalisiert, dass ich es nicht wert bin, geliebt zu werden.) Ja, meine Umgebung wirkt (immer noch) stark…

    Und ich stoße in letzter Zeit oft an die Grenze des Umkehrphänomens: Wenn Menschen eine Beziehung als Nähe-Abo betrachten, dann ist es schwer, MEIN Nähe-Bedürfnis zu erfüllen. Denn das „Du hast ständig für mich verfügbar zu sein“ bedeutet oft „NUR für mich“ – und diese Menschen berühren dann generell keine anderen Menschen außer ihrer Beziehungsperson. Ich spreche hier übrigens nicht (nur) über Sex, sondern über jedweden Körperkontakt. Oft schalten die Menschen dann in den Modus: „Oh, je, die hat niemenschen, jetzt will sie mich als PartnerIn.“ Auch wenn ich mir vielleicht einfach nur wünsche, in den Arm genommen zu werden.

    Habe ich nur den Eindruck oder ist es tatsächlich so, dass in den letzten zwanzig Jahren die diesbezügliche Offenheit abgenommen hat und viel stärker in „festen“ Beziehungsformen gedacht wird?

    1. Interessante Frage. Ich habe mich vor nicht allzu langer Zeit mit meiner Mutter über (meine) sexuelle Identität(en) und Sexualität im gesellschaftlichen Kontext unterhalten und sie hat genau das gesagt: Dass ihr Eindruck sei, in den 80er Jahren, in denen sie etwa so alt war, wie ich jetzt, habe sich das viel befreiter und offener für „Alternativ-„Konzepte von zwischenmenschlichen (Sex-)Beziehungen angefühlt und seitdem habe sich das wieder total rückläufig entwickelt und (bipolare hetero-) Normativität habe wieder stark zugenommen… mehr als dass Du nicht allein mit diesem Eindruck bist, besagt das natürlich auch nicht, aber an diese Unterhaltung musste ich bei Deinem Kommentar gleich denken.
      @Debs: Super Artikel.

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