Wenn [‘solid] Kreuzkölln mal eben das anti-sexistische Engagement er_findet

Zum Kampf gegen den „neuen Sexismus“ ruft [‘solid] Kreuzkölln zur Zeit auf Flyern zu einer Info-Veranstaltung an der ASH gegen das Barbie Dreamhouse auf. „Neuer Sexismus?“ frage ich mich. Was ist mit dem alten passiert? Habe ich etwa eine veraltete Version von Sexismus? Weiß Solid von einem Sexismus 2.0, von dem ich etwa nichts weiß? Und wie komme ich zu einem Update? Auf diesen Flyern erklärt die Linksjugend uns die Welt. Denn Sexismus muss endlich sichtbar gemacht werden, „der #aufschrei darf nicht virtuell und vereinzelt bleiben“. Gut, dass [‘solid] Kreuzkölln sich der Sache endlich annimmt, wo es doch sonst niemensch tut. Weit und breit keine feministischen Aktivist_innen, kein Engagement von Vereinen, Netzwerken, Initiativen.
Oder könnte es gar sein, dass es diese doch gibt und Solid Kreuzkölln diese mit ihrem neu entdeckten Aktivismus nur (mal wieder) unsichtbar macht. Ist es gar ein ignoranter Fußtritt gegen all das anti-sexistische Engagement, dass von jeher stumm gemacht wird und selbst in der öffentlichen mainstream #aufrschrei-Debatte nicht oder zumindest kaum eine Stimme zugesprochen bekommen hat? Neeeeeeeein…!
Gut, dass [‘solid] das endlich in die Hand nimmt!
Wie gut, dass die beiden Veranstaltungsmenschen auf den Hinweis, dass sie mit ihrem Flyer voll in die Kerbe von binären Geschlechterverständnissen hauen, zwar das „Frauen“ in „weiblich sozialisierte Mensch“ geändert, das „Mädchen“ aber einfach stehen lassen haben. Wie gut, dass auf den Hinweis, dass es dem Queerreferat der ASH wichtig wäre, dass die Infoveranstaltung nicht zur Plattform von Geschlechterblödsinn wird, die Erwiderung lautet, „Männer“ und „Frauen“ seien doch aber „unterschiedlich beschaffen“, Wie gut, dass auf die Frage, wie sie vorhätten auf unsere Besorgnis es könnte binäre Geschlechter-Scheiße reproduziert werden, einzugehen, die Reaktion kommt, dass „der Sprung von Frauenbenachteiligung zur Gender- und Sex-Thematik irgendwie unnachvollziehbar groß“ sein.
Wie gut, dass der Flyer, der von einem Typen geschrieben wurde, fragt „wie kann ich mich dem [Sexismus] erwehren?“
Wie gut, dass jetzt dank dem „neuen Sexismus“ noch mehr Raum für missverstandene, falsch verwendete Sexismusbegriffe ist. Wie gut. Wie gut.

Doch es wird noch schlimmer: Der pinke Flyer, der nicht zur Infoveranstaltung, sondern direkt zur Demo aufruft, ist Würgereiz erregend.
Verhältnismäßig harmlos ist noch die Aussage, dass „kleine Mädchen hier [im Barbie Dreamhouse] Cup-Cakes backen, Karaoke singen, sich schminken oder sich in Barbies begehbaren Kleiderschrank verlaufen“ können. Ich verstehe, worauf der Flyer hinaus will. Allerdings sind schminken, backen und singen an sich nicht das Problem. [‘solid] Kreuzkölln beäugt die Oberfläche und hält diese für das Übel aller Dinge. Aber okay, darüber kann mensch sogar hinweg sehen.
Schlimmer wird es, wenn auf besagten Flyer vorgeschlagen wird, „Mädchen“ sollten sich doch lieber mit Pipi Langstrumpf statt mit Barbie beschäftigen. Ich vergesse immer, dass mensch sich entscheiden muss: soll es nun anti-sexistisch oder anti-rassistisch sein? Beides geht wohl nicht. Gut, die Person, die den Flyer-Text geschrieben hat, hat scheinbar die Rassismus in Kinderbüchern-Debatte erfolgreich verschlafen. Herzlichen Glückwunsch oder so.
Weiter geht‘s: „Die Barbie vermittelt den Mädchen ein eindeutiges Bild von ihrem Körper: Du wirst nie so gut aussehen wie du müsstest! Eine reale Frau mit Barbies Proportionen hätte einen BMI von 16,24 und wäre damit magersüchtig…“
„Du wirst nie so gut aussehen, wie du müsstest“?! Den Satz so hinzustellen vermittelt fast den Eindruck, als würde das Schönheitsideal nur bedingt in Frage gestellt werden oder zumindest als gebe es so etwas wie „gut aussehen“. Aber auch da bin ich sehr genau, seh ich ein. Der Satz mit dem BMI und der Magersucht dagegen ist einfach nur zum losschreien. Dieser pathologisierende Mist, will wahrscheinlich sagen, ,wäre sie untergewichtig‘, aber selbst das wäre ja grundlegend konstruierter Blödsinn. Dermaßen normierende Kackscheiße, bei der von einem niedrigen BMI auf Magersucht geschlossen, und Pathologisierungen unreflektiert genutz werden, ist zum Haare ausreißen! (Wird bei einer Glatze das fehlende Haar bei der Berechnung des BMI eigentlich mitbedacht???)
Zudem wird das Nicht-Haben einer Menstruation ebenfalls als als („weibliches“) Problem gedeutet. Pathologisierung und Zweigeschlechtlichkeit ich höre Euch schon wieder trapsen!

Nach dem 1000 Mal „Mädchen“ gibt‘s eine kurze Statistik-Schlacht: Sexismus existiert überall (Vor Allem auf diesem Flyer), „25% aller Frauen [werden] Opfer von Gewalt“, „Frauen“ werden „in der Werbung sexualisiert und auf den Körper reduziert“, „Frauen“ machen „70% des Niedriglohnsektors“ aus. 
Dann Kommt irgendwas mit „fragwürdigen Schönheitsidealen“. Ich denke „fragwürdig“? Ähm… Ich würde das drastischer formulieren, aber nun gut.
Gegen Ende:

„Die ständige Reduzierung auf ihren Körper arbeitet dagegen an, dass Frauen sich zu selbständig denkenden, freien Individuen entwickeln.“
Der Flyer will sagen, dass die/der/das böse (ja was eigentlich? Die Gesellschaft? Barbie? Die Wirtschaftsbosse? Der Kapitalismus? So klar erkennbar ist das im Text nicht) versucht weiblich gelesene Menschen daran zu hindern, sich voll zu entwickeln. Wenn es um gesellschaftliche Strukturen geht, die diese Menschen systematisch marginalisieren und benachteiligen, stimme ich dem in vollem Maße zu. Der Satz hinterlässt allerdings (zumindest bei mir) den Eindruck, als seien Frauen* aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse bereits außer Stande selbständig zu denken. Ähm not! Sie* werde nicht wahr_ernst_an_genommen. Ja. Ihr* Denken, ihre* Gedanken werden von der Gesellschaft nicht honoriert, bekommen keine Geltung. Möglichkeiten werden nicht gewährt. Alles wahr.  Aber nur, weil mir Menschen nicht zuhören, heißt das nicht, dass ich nichts zu sagen habe. Nur weil es Menschen gibt, die es nicht interessiert, heißt es nicht, dass ich nicht denke (n kann). Nur weil solid ignorant ist, heißt es nicht, dass nicht vorher schon Menschen kritisiert, reflektiert und protestiert haben. So.

Und zum Schluss wird nochmal erklärt, dass es „absolut verantwortungslos [ist], Kinder dieser sexistischen Sozialisation auszusetzen.“.  Hui, das hat jemensch das Problem von Sexismus scheinbar nur sehr eindimensional verstanden. Denn könnte ich es verhindern, dass irgendein Kind in sexistischen Verhältnissen aufwächst, ich würde [‘solid] Kreuzkölln meine Seele überlassen oder so ähnlich.

Wer Lust hat die besagte Veranstaltung an der ASH mit uns zu beäugen und gegebenen Falls einzuschreiten, aufzufangen, aufzumucken ist heute (Donnerstag 25.04.) herzlich Willkommen dem Spektakel um 15.30 im Raum 334 der Alice-Salomon-Hochschule beizuwohnen.

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5 Gedanken zu “Wenn [‘solid] Kreuzkölln mal eben das anti-sexistische Engagement er_findet

  1. Für all jene, denen das zu diffus ist: Eine etwas übersichtlichere Auseinandersetzung mit den Flyern kann ich auch noch bieten:
    Problematisierung des [‘solid]-Flyers zur Infoveranstaltung zum Prostest gegen das BarbieDreamhouse.

    Zum „neuen Sexismus“:
    Diese Formulierung bagatellisiert bestimmte Formen des Sexismus als neue Erscheinung, statt als fortbeständigen grundlegenden gesellschaftlichen Missstand aufgrund struktureller Benachteiligungen. Zudem ignoriert es die Tatsache, dass Sexismus an sich schon häufig als „persönlich definierbar“ verstanden wird und eine Formulierung wie „neuer Sexismus“ dies nicht nur erleichtert, sondern zudem Raum für einen sowieso schon häufig falsch verwendeten Sexismusbegriff schafft.

    Die Negierung bereits bestehenden Engagements:
    Der Text macht mit Formulierungen wie „Doch der #aufschrei darf nicht virtuell oder vereinzelt bleiben. Wir müssen uns gemeinsam bewegen und protestieren.“ feministische Aktivist_innen und das Engagement von Vereinen, Netzwerken und Initiativen unsichtbar.
    Anti-sexistisches Engagement, dass ohnehin schon von je her nicht oder kaum gehört und selbst in der öffentlichen mainstream #aufschrei-Debatte kaum wahrgenommen oder zu Wort kommen gelassen wurde, wird hier erneut ignoriert.

    Das binäre Geschlechterverständnis:
    Sinn einer anti-sexistischen Kampagne kann nicht sein binäre Geschlechtervorstellungen zu nutzen und zu reproduzieren. Genau das passiert aber unter Anderem in den gewählten Bezeichnung für die Menschen, über die gesprochen wird und im Subtext.

    Problematisierung des [‘solid]-Flyers zur Demonstartion gegen das Barbie Dreamhouse am16. Mai.

    Der Flyer benennt schminken, kochen und singen, als grundlegendes Problem und urteilt damit über bestimmte Vorlieben, statt diese als Symbolik für die Problematik dahinter zu beleuchten, zu benennen und vielleicht sogar zu erkennen.

    Zudem wird als Alternative zum Spielen mit Barbie das Beschäftigen mit Pipi Langstrumpf vorgeschlagen, was in Anbetracht der gerade stattgefunden Auseinandersetzung mit rassistischen Kinderbüchern absurd erscheint.

    Auch auf diesem Flyer werden binäre Geschlechterkategorien reproduziert. So ist permanent von „Frauen“ und „Mädchen“ die rede.

    Darüber hinaus findet mit dem Satz „Eine reale Frau mit Barbies Proportionen hätte einen BMI von 16,5 und wäre damit magersüchtig“ eine Pathologisierung anhand eines Wertes statt und reproduziert damit ebenfalls konstruierte Körpernormen. Zu dem liegt dieser Aussage die Annahme zugrunde, mensch könnte aufgrund von Körpermaßen auf einen kranken oder gesunden Menschen schließen.

    Im gleichen Satz wird außerdem das Nicht-Haben der Menstruation als („weibliches“) Problem dargestellt. Auch dies ist mutet einer Pathologisierung eines anders funktionierenden Körpers und eine Fokussierung auf Zweigeschlechtlichkeit an.

    Zudem wird auf dem Flyer Sexismus nicht als gesellschaftliches Problem benannt, sondern bleibt diffus in seiner Anklage (bis auf einen Nebensatz, in dem der Kapitalismus erwähnt wird).

    Das ist besonders deswegen kritisch zu betrachten, da die eigene Position nicht reflektiert wird, aber der Vorwurf erhoben wird, es sei absolut verantwortungslos Kinder dieser sexistischen Sozialisation auszusetzen. Das es nicht möglich ist sich, auch ohne Barbie Dreamhouse, einer sexistischen Sozialisation zu entziehen und Sexismus sich auch in unbewussten, internalisierten Handlungsweisen Ausdruck findet, scheint hier nicht bewusst zu sein und lässt ein sehr eindimensionales Miss_Verständnis von Sexismus vermuten.

  2. „Aber nur, weil mir Menschen nicht zuhören, heißt das nicht, dass ich nichts zu sagen habe. Nur weil es Menschen gibt, die es nicht interessiert, heißt es nicht, dass ich nicht denke (n kann). Nur weil solid ignorant ist, heißt es nicht, dass nicht vorher schon Menschen kritisiert, reflektiert und protestiert haben. So.“

    Nur weil das bei dir so ist, muss das noch nicht auf alle Frauen zutreffen.

    Ich finde diesen Artikel einfach unglaublich. Merkt ihr nicht, wie ihr alles kaputt macht?

    Da verwenden einige (Neu)Feministen nicht die Sprache, die dir/euch passt, schon sind sie disqualifiziert. Mal folgendes überlegt? Vielleicht kennen sie sich da noch nicht so gut aus. Deine Kritik produziert also Klassismus! Toll!
    Und muss JEDE Feministin JEDER eurer Auswüchse zustimmen, sonst darf sie keine Feministin sein? Vielleicht sind sie der Meinung, dass „weiblich sozialisierter Mensch“ statt „Mädchen“ falsch und unzutreffend ist, so wie ich! Oder vielleicht denken sie bei Feminismus an Frauen statt an PoCs, weshalb ihnen deine Kritik an Pippi Langstrumpf am Arsch vorbei geht!

    Irgendwo las ich vor kurzem was von wegen, Feministinnen sollen solidarisch sein. Ja, wo isse denn, die Solidarität?! Wird auch nur gefordert, wenn es um deine/eure Sicht der Dinge geht.

    Feministische Aktionen stören, weil euch die Wortwahl nicht passt. In was für einer Welt leben wir!

    1. Ich weiß gar nicht wo anfangen!!!

      Du meinst also es gibt eben doch die „dummen“ Frauen, die nichts zu sagen haben? Sehr feministischer Ansatz! Nutzen wir die patriarchalen Vorurteile doch, um… ja warum eigentlich? Sexismus zu re_produzieren? Herzlichen Glückwunsch, dass ist Dir an dieser Stelle gelungen.

      Wir machen Alles kaputt? Wer ist wir? Was ist Alles? Und wie tun wir das? Das wäre relevant, denn wenn ich wirklich etwas zerstören würde, wäre ich meinem Ziel schon viel näher als vermutet.

      Zudem hat „Sich noch nicht so gut auskennen“ nicht zwingend etwas mit Klassismus zu tun. Ich wäre Dir dankbar, wenn Du tatsächliche Benachteiligungen nicht missbrauchen würdest.

      Und was willst Du mir mit „Auswüchsen“ sagen? Was ist denn das für ein Wort? Was schwingt denn da Alles mit?

      Weiter: Herzlichen Glückwunsch, dass Du Dich bei „Mädchen“ angesprochen fühlst, aber viele andere Menschen, die von Sexismus, Lookismus und Körpernormierungen betroffen sind, tun das nicht. Es ist doch absurd gegen die Rolle der Frau* aufbegehren zu wollen, ohne die Rolle Frau in Frage zu stellen.

      Am erschreckendsten finde ich allerdings, Deine „Frauen statt POCs“ Argumentation. POCs und Schwarze Menschen, die weiblich gelesen werden, sind keine also Frauen*? Das ist dermaßen rassistisch, dass mir die Luft weg bleibt. GERADE Schwarze Frauen* sind von Sexismus betroffen. Aber schön, dass Du das weiße Privileg hast, dass Dir Pipi Langstrumpf am Arsch vorbei gehen kann.

      Es geht nicht um Wortwahl, es geht um Gewalt. Denn Sprache ist Gewalt. Und die findet vollkommen unreflektiert Raum in diesen Flyern und in Deinem Kommentar.

  3. Wir sollten stets im Hinterkopf behalten, dass sich verschiedene Aktionen an verschiedene Menschen richten. Der besagte Solid-Flyer richtet sich hauptsächlich an ein anderes Publikum als dieses Blog und verwendet deswegen eine andere Sprache. Daraus sollten wir nicht schließen, dass eine Art sich auszudrücken unreflektierter, prätentiöser, unachtsamer, etc. als die andere ist, sondern vielmehr die sprachliche Divergenz verschieden Menschen als Ausdruck ihrer Individualität anerkennen.

  4. Wow, die Kommentare machen mich sprachlos. Irgendwie fehlt mir die Kraft, auf sowas immerzu einzugehen, vor allem auch, weil es so sinnlos erscheint… – deshalb nur: sehr guter Artikel, dem ich voll und ganz zustimme.

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