Verstummt

Triggerwarnung: V*rg*w*lt*g*ng ausgeschrieben

Alpträume, wie damals. Angst. Unfassbar viel Angst. Und die Hoffnung, dass es besser wird, wenn ich es hinter mich gebracht habe. Der Weg zum Landeskriminalamt erscheint ewig und schon die Fahrt dorthin ist so kraftraubend, dass ich fast einschlafe. Ich kämpfe jetzt schon mit den Tränen. Ich bin allein gefahren, weil ich nicht gewusst habe wen mitnehmen. Vielleicht auch, weil ich mich nicht in der Situation wiederfinden wollte, zu versuchen es meiner Begleitung so un-unangenehm wie möglich zu machen, während ich mit all der Angst kämpfe. Nicht-lächeln und weinen gehört nicht zu meinen Stärken.
Es hat Monate gedauert diesen Schritt zu machen. Eine Vergewaltigung anzuzeigen, die Jahre zurück liegt, um an dieser Stelle endlich für mich einzustehen.
Ich komme an. Ds Gebäude ist riesig und ich winzig. Ich bin mir nicht sicher, ob ich noch atme.
Ich geh rein. Mein Hals krächzt „ich möchte eine anzeige machen“. Der Pförtner: „Kommen sie morgen wieder.“ Ich starre ihn an. Traue meinen Ohren nicht. Spüre den Boden unter meinen Füßen nicht mehr. Kann nicht atmen. Aber auch nicht weinen – gott sei dank. Ich starre ihn weiter an. „Aber ich möchte eine Anzeige machen.“. Ich weiß nicht was ich tun soll. „Ne, da müssen sie in den Abschnitt, hier ist maximal bis 15.00“ 15.02 ist es und ich bin immernoch wie festgewachsen. „Aber wo muss ich denn dann hin?“ „Worum geht‘s denn? Nur so‘n Stichwort.“ Nur ein Stichwort… Stichworte sind Randnotizen, klein. Vergewaltigung ist kein Stichwort. Mir würde kaum ein Wort einfallen, dass weniger ein Stichwort ist. „Vergewaltigung“ Ich kann es selbst kaum hören. „Wie bitte?“ „Vergewaltigung!“ jetzt sind sie da, die Tränen… „Jetzt gerade? Oder schon länger her?“ Er mustert mich und ich habe das Gefühl meine Knie geben gleich nach. „Länger her“ presse ich aus mir raus. „Dann tut‘s mir leid. Müssen sie morgen wieder kommen. Anzeige können sie wenn‘s länger her ist nur zwischen 9.00 und 15.00 machen. Naja lieber 14.00. Wenn die Beamten mal früher gehen.“ Ich hör die letzten Worte kaum noch dreh ich um und gehe. Draußen die Tränen, die Wut, die Hilflosigkeit. Ich kann jetzt nicht gehen. Selbst wenn ich wollte, meine Beine würden einfach wegbrechen. Aber sich vor die Polizeistation mit dem Dezernat für Straftaten gegen sexuelle Selbstbestimmung zu setzten und zu weinen geht halt auch irgendwie gar nicht. Ich wieder rein. Tränen in den Augen. „Ich muss doch hier irgendwie eine Anzeige machen können. Egal wie lang es her ist.“ Ich bin von mir selbst überrascht. Keine Ahnung wo diese Bestimmtheit her kommt. Der Pförtner auch. „Ne nur wenn‘s akut ist. Ich will jetzt auch wirklich nicht böse sein und sie wegschicken, aber…“ „Ich möchte eine Anzeige machen. Heute. Jetzt“. „Wie lang ist es denn her?“ Ich starre ihn an. Keine Antwort. Er wartet. Keine Antwort. „Ich rufe mal den Spätdienst an, dann kommt vielleicht jemand mit dem sie sprechen können. Nehmen Sie mal dort Platz.“ Ich nehme Platz. Für eine Minute maximal, dann kommt auch schon ein älterer Mann auf mich zu. „Sind sie die Dame?“ Ich nicke oder sage „ja“, aber auf jeden Fall stimme ich zu. „Sie wollen eine Anzeige wegen Vergewaltigung machen?“ Ich nicke. Wir sind mitten im Eingangsbereich der Polizeistation. Und er fängt an zu fragen. „Ist es schon länger her?“ „Ja“ „Länger als zwei Tage? Wegen der Spuren, wissen Sie“ „Länger als zwei Tage“ „War es ein Bekannter?“ „Ja“. Da wir dieses Gespräch immernoch im Eingangsbereich führen, wird mir klar, dass nichts passieren wird. Der Beamte: „ Ja, das kann ich jetzt nichts machen. Aber ich geb Ihnen eine Nummer da können Sie morgen anrufen und einen Termin machen. Das dauert allerdings ein Bisschen“ Ich starre ihn an. Ich stehe auf. Ich sehe vor lauter Tränen kaum noch etwas. Ich sag nur noch, dass ich jetzt wohl besser gehe. Und gehe. Vor der Tür die Tränen. Ich habe das Gefühl noch nie kam so viel Wasser auf einmal aus meinen Augen. Ich torkle zum Bus. Spüre die Blicke den Passanten auf mir. Steige in den Bus. Die Weltreise wieder nach Hause. Kann nicht aufhören zu weinen.
Jetzt sitze ich in meinem Zimmer, starre aus dem Fenster. Ich kann nicht sprechen. Kann nur weinen und weiß nicht, ob ich die Kraft aufbringen kann es ein zweites Mal zu versuchen. Ich bin so wütend, so entmutigt, so kraftlos und fühle mich wie gelähmt vor lauter Ohnmacht. Und obwohl ich eigentlich nur schreien möchte, sitze ich stumm da und habe das Gefühl das Sprechen verlernt zu haben.

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22 Gedanken zu “Verstummt

  1. „„Dann tut‘s mir leid. Müssen sie morgen wieder kommen. Anzeige können sie wenn‘s länger her ist nur zwischen 9.00 und 15.00 machen. Naja lieber 14.00. Wenn die Beamten mal früher gehen.“ Ich hör die letzten Worte kaum noch dreh ich um und gehe. Draußen die Tränen, die Wut, die Hilflosigkeit.“

    das ist schon bitter, dass behörden öffnungszeitien haben, die für alle menschen gleichermaßen gelten.
    voll gemein sowas.

    1. Ist schon bitter, dass davon auf der Seite des LKA 13 nichts steht, sondern nur Adresse und Telefonnummer angegeben ist, aber kein Vermerk, dass es Sprechzeiten, Akutfälle oder Terminpflicht gibt.

      Schon bitter, dass mensch mit „ist halt so, find Dich damit ab“ Attitüde Betroffene angreift, statt zu schauen, warum es bei so sensiblen Themen ein Problem mit „Öffnungszeiten“ geben könnte.

      Ist schon bitter, dass Betroffene zusätzliche Hürden nehmen müssen.

      Ist schon bitter, so einen Mist in meinen Kommentaren zu lesen.

      1. @babs: Öffnungszeiten sind gut und schön, wenn es um Handtaschendiebstahl geht (obwohl auch das sicher einen Schock auslösen kann), aber (ich will das jetzt mal so nennen) Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung sind ein Thema, das mit etwas mehr Sensibilität behandelt werden müsste. Warum gibt es nicht z.B. eine Art Hotline, wo die anzeigende Person erst einmal die Grundinformationen loswerden und ggf. einen Termin für ein ausführliches und vertrauliches Gespräch vereinbaren kann?

  2. Ich hoffe du findest Kraft und Hilfe, irgendwo in deiner Umgebung. Und ich hoffe du findest Kraft die Anzeige durchzuziehen, ich weiß aus meinem Freund_innenkreis, dass das verdammt hart ist. Auf dass du deine Stimme wieder findest.

  3. Oh nein, was für ein Ding. Wie eine Fliege vor die Scheibe 😦

    Gibt es keine Frauenberatungsstellen in deiner Stadt? Hier gibt es sogar richtig so etwas wie ein Begleitungsangebot genau für solche Situationen. Für viele Frauen ist es dann leichter diese Hürde überhaupt erstmal dahin zu gehen zu überwinden. Die Begleitung wartet draußen (oder kommt mit rein) während der Anzeigeerstattung selbst und hilft dann hinterher dabei nicht komplett abzustürzen.

    Ich wünsche dir viel viel Kraft!

    1. beim frauennotruf (o.ä.) kennen die sich wirklich gut aus, meistens kennen die auch die beamt*innen, die für den bereich sexueller gewalt zuständig sind.

  4. ich würde dir gern zuversicht schicken. kraft. irgendwas.

    und wünsche dir so sehr, dass du das gut durchstehst (ach, alles nur worte)…

  5. Uff. Mir schnürt sich allein vom Lesen mein Brustkorb zu. Kaum vorstellbar für mich, wie es Dir damit geht. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen die Kraft, noch einmal diesen Weg zu gehen und die Anzeige machen zu können! Vielleicht kannst Du Dir Begleitung vom Weißen Ring holen? Auf deren Homepage steht, Begleitung zu Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht gehört zu ihren Hilfsmöglichkeiten.

  6. „Wir sind mitten im Eingangsbereich der Polizeistation. Und er fängt an zu fragen. „Ist es schon länger her?“ „Ja“ „Länger als zwei Tage? Wegen der Spuren, wissen Sie“ „Länger als zwei Tage“ „War es ein Bekannter?“ „Ja“. Da wir dieses Gespräch immernoch im Eingangsbereich führen, wird mir klar, dass nichts passieren wird. Der Beamte: „ Ja, das kann ich jetzt nichts machen….“

    Hätte der was machen können, wenn es ein Fremder gewesen wäre?
    Und warum werden solche Gespräche nicht in einem geschützten Bereich hinter verschlossenen Türen geführt?
    Immer wieder schön zu sehen, welche Solidarität und Unterstützung Betroffene sexueller Gewalt erfahren. Wirklich erbauend. Vielleicht hättest du dich noch dafür entschuldigen sollen, dass dir das passiert ist und den Herrn Beamten an seinem heiligen Feierabend hindern wolltest?

  7. Deine Beitrag macht mich sehr betroffen.
    Vielleicht ist eine Online-Anzeige eine Option?
    Ich selbst habe damals nur online Anzeige wegen sexueller Belästigung erstatten können.
    Für einen Gang zu einer Polizeistation hätte ich nie den Mut gehabt.
    https://www.berlin.de/polizei/internetwache/strafanz1p.php

    Im Übrigen muss ich sagen, dass.ich mich bei manchen Kommentaren hier echt wundere.
    „Wie eine Fliege vor die Scheibe“…… Finde ich etwas daneben!

    Ich wünsche dir alles Gute und viel Kraft.

  8. 😦

    Musik hilft mir eigentlich immer weiter, für Tränen, Kraft und Gefühle.

    Sie werden von Paragraphen reden, ihre Menschlichkeit an der Garderobe abgeben…
    (aus „Schreien“, ari)

  9. Was für eine riesen krasse Scheiße!
    Ich kann nicht viel sagen, aber ich wollte nich gehen ohne dir ganz viel Kraft zu wünschen und zu sagen wie krass wütend ich bin auf die Personen die da so eine verdammte Scheiße abgelassen haben. Und ich wünsche dir, dass du das nächste Mal vielleicht nicht allein gehen musst sondern mit einer Person zusammen – ohne dich verstellen zu müssen.
    Alles Liebe vom Steinmädchen

  10. Oh Gott, es tut mir so leid!! Wirklich, krasse Scheiße und am Schlimmsten ist, dass es kein Einzelfall ist, sondern „standard“ (obwohl Dir damit auch nicht geholfen wäre, wenn’s gerade Dich als einzige getroffen hätte…). Ich kann echt gut verstehen, dass Du nicht weißt, ob Du es überhaupt nochmal schaffst, die Kraft aufzubringen, es ein zweites Mal zu versuchen und es kann wirklich wieder ähnlich ablaufen. Die Menschen, die damit werben „Freund_innen und Helfer_innen“ zu sein, sind sowas von 0 geschult, was Sensibilität für die Dinge, mit denen sie täglich zu tun haben, angeht, dass mir echt die Kinnlade runterfällt.

    Das, was Du da beschrieben hast, ist so furchtbar und geht so überhaupt gar nicht, und zwar jeder einzelne Satz für sich genommen schon (von der Befragungssituation mit dem 2. Beamten ganz zu schweigen!), dass mensch Deinen Bericht ausdrucken und an jede einzelne gottverdammte Polizeistation in diesem Land zusammen mit einem fetten Handbuch und einer Mitarbeiter_innenschulung verteilen sollte! Genauer gesagt sollte es eine mindestens einjährige Schulung in der Polizist_innenausbildung geben, die sich nur mit Betroffenen-Empathie und -Sensibilität beschäftigt.

    Diese Empathie-Schulung würde ich im übrigen gern auch Leuten wie babs empfehlen, wenn nicht gar verordnen….geht’s noch?! Dann vielleicht lieber gar nichts schreiben und ansonsten schön hoffen, selbst nie in eine Situation zu kommen, in der mensch selbst auf das eigentlich normale Minimum an menschlicher Sensibilität bei anderen angewiesen ist und durch so eine Scheiße re-traumatisiert wird, weil eine_n nicht mal die Sch***behörden, deren einzig sinnvoller Zweck es ist, von Gewalttaten Betroffenen Hilfe zu gewähren, mit zwei Gramm Respekt behandeln können!
    Entschuldigung, aber das musste grad raus, weil mich das alles hier so unfassbar wütend macht.

    Ich wünsch‘ Dir alle Kraft der Welt und hoffe trotzdem, dass Du es nochmal versuchst – und diesmal vielleicht wirklich nicht allein hingehst, sondern mit jemandem, der_die für Dich übernehmen kann und dort notfalls alles zusammenbrüllen, bis Du anständig behandelt und ernst genommen wirst, auch wenn Du nicht mehr reden kannst. Props für Deinen Mut und den Artikel! Alles Gute.

  11. Auch ich schicke dir ganz viel Kraft! Und wünsche dir, dass von irgendwoher noch eine reale Unterstützung kommt.
    Dein Text hat mich sehr betroffen gemacht und trotzdem ist es total gut dass du ihn geschrieben hast, denn er gibt mir auch Stärke im Kampf für die Rechte von sexualisierter Gewalt und sexistischen Übergriffen Betroffenen. Danke für deinen Mut.

  12. Krass. Nicht überraschend, aber…wow.
    Ich finde das total super, daß Du Dich getraut hast, diese Erfahrung in Deinem Blog aufzuschreiben, und somit öffentlich zu machen. Respekt!
    Eigentlich sollten solche Geschichten wie Deine nicht nur in kleinen Blogs erscheinen, sondern in irgendeinem größeren Medium, keine Ahnung, Spiegel oder Süddeutsche, wasweißich… einfach, daß solche bekloppten, unsensiblen Bürokratiekorinthenkacker in einer größeren Öffentlichkeit diskutiert werden, das wäre einfach notwendig! Erstmal, damit bei den Leuten in Kopf ankommt, daß dieser beschissene Zustand existiert, daß es da dringend was zu ändern gibt – und Öffentichkeit wäre auch nötig, um sozusagen durch die Presse als „vierte Gewalt“ Druck gemacht wird, daß sich da was ändert!!!

    Ich schicke Dir auf jeden Fall lotsa good vibrations und zünde Dir ne Kerze an (ich weiß, ist abergläubisch, aber ich denke, es hilft. Und der Gedanke zählt).

    *hugs&respect*

  13. Dieses Beklemmungsgefühl beim Lesen deiner Worte…
    Ich flüchtete von einem untenrum unbekleideten Mann, der mich anfassen wollte, in ein Hotel ein paar Meter weiter und rief vor den Augen des (zumindest betroffenen) Pförtners die Polizei an. Reaktion: „Ist der Mann weg?“ – „Er wird hoffentlich nicht draußen auf mich warten, kann ich Ihnen aber nicht genau sagen“ – „Ja dann können wir da ja jetzt auch nichts machen. Dann brauchen wir ja nicht vorbeikommen, ne?“

    Verdammte Hilflosigkeit und unendliche Wut.
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft und danke dir für deinen Blog, der mich immer wieder berührt.

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