Ein Hoch auf den gesellschaftlichen Gebär-Imperativ!

Wenn Kinder aufwachsen und zufällig¹ als Mädchen² sozialisiert werden, gibt es verschiedene Ansprüche mit denen dieses Kind dann konfrontiert wird.

1. SEI ein Mädchen². In Allem was Du tust, sagst und anziehst, entspreche allgemeinen³ Erwartungen von „Mädchen²“.
2. Verstehe Dich als Gefährtin von jemanden. Lebensziel muss das Suchen und Finden eines (Lebens-)PARTNERS⁴ sein. Im Optimalfall: verstehe Dich als Ehefrau.
3. WERDE Mutter⁷.

Das „sei ein Mädchen²“ hat bei mir phasenweise immer ganz hervorragend geklappt. Phasenweise dafür auch gar nicht und irgendwann ist ja dann gottseidank der Feminismus Teil meines Lebens geworden und hat dem „Sei ein Mädchen“ ordentlich in den Arsch getreten.
Dem „Verstehe Dich als Gefährtin eines PARTNERS⁴“, waren ja ebenfalls schnell  Grenzen gesetzt, denn das Begehren forderte eine Partnerin. Schwuppsdiewupps war also auch das schnell in Frage gestellt.

WERDE Mutter⁷ dagegen ist ein innerer Appell, dessen Echo hartnäckig in meinen Ohren hallt. Mädchen² werden Mütter⁷, ist halt so…
Und auch ich werde selbstverständlich Mutter⁷. Ist halt so.
Achso? Werd ich?
Vor wenigen Monaten habe ich mich das erste Mal gefragt, wie ich eigentlich auf die Idee komme für ein Kind verantwortlich sein zu wollen, wo ich doch eigentlich nicht besonders viel mit diesen kleinen Menschen anfangen kann.

Es könnte an der meterlangen Warteliste mit Kinderwünschen anderer Menschen an mich liegen. Oder an der Selbstverständlichkeit mit der mir andere eine Begabung zu Mutterschaft zuschreiben. Oder an dem, durch das äußere Erscheinungsbild erzeugten Eindruck, mein Körper sei dafür in besonderem Maße prädestiniert (warum gerade das ein Witz ist, erklär ich später). Es könnte auch mit der Perspektive „wenn Du erst Deine eigene Familie aufbaust, dann…“ zusammenhängen.

Menschen geben von je her Kinder bei mir in Auftrag. Freund_innen, wie flüchtige Bekanntschaften oder gar vollkommen neue Begegnungen. Besonders schwule Menschen neigen dazu Kinder-Bestellungen bei mir aufzugeben. Wie oft wurde Begeisterung mir gegenüber schon mit den Worten „oh, sie wird die Mutter meiner Kinder!“ geäußert. Eigentlich ganz schon rumpelstielzelig oder so ähnlich.
Neulich, und da musste ich schlucken, ist ähnliches sogar in einer Runde passiert, in der ich das nicht erwartet hatte. Von mir sehr geschätzte, queer-feministisch aktive Freund_innen und ich beim Eisessen: Es ging um die Aufzucht eines Wunschhaustieres und meiner Anmerkung, dass es sich bei diesem unter anderem auch um ein Säugetier handelt und ich deswegen ohne ein erwachsenes Tier nicht weit kommen würde. Die Lösung die prompt kam, war, ich solle ein Kind bekommen und das Tier selbst säugen. Schnell gab es am Tisch die Diskussion, wer das Kind dann übernehmen dürfe. So scherzhaft war scheinbar nicht klar, wie verletzend solch ein Vorschlag ist und wie viel in so einer Aussage mitschwingt. Mir war bewusst, dass dieser Lösungsansatz nicht Allen an diesem Tisch unterbreitet worden wäre. Mir war auch klar, dass scheinbar niemenschen in diesem Moment bewusst war, wie grenzüberschreitend und unangenehm sich diese Lesart und Funktionalisierung meines Körpers anfühlt. Es schien gar nicht im Bereich des Möglichen zu liegen, dass es sich dabei um ein, für mich, konfliktbeladenes Thema handeln könnte.

Dabei ist es genau das: ein konfliktbeladenes Thema. Laut Gynäkologin machen meine Hormone nicht das, was sie wohl normalerweise tun sollten, beziehungsweise fehlen, beziehungsweise stimmt irgendwas mit denen nicht. Die laufen nicht im Kreis oder so. Mein einer Eierstock sieht aus wie aus dem Bilderbuch, tut aber leider ebenfalls nichts. Der andere sieht nicht so aus, macht dafür aber wenigstens ab und an mal was. Kurz um: aus medizinischer Sicht ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich irgendwann ein Kind gebäre, ziemlich gering. Das verkompliziert die Sache mit der Kinderzustellungswarteliste erheblich, zusätzlich zu der Frage, ob es Spaß machen kann, zwanzig Köpfe und vierzig Schultern aus sich hinaus zu pressen.
Aber danach fragt niemensch.
Dieses Scheitern in der Umsetzung meiner fraulichen To-Do and To-Be Liste, nagte nicht nur an meinem Selbstbild, es schein, durch automatisiertes Mitleid von Außen, auch tatsächlich meine Wertigkeit als Mensch… Äh, Entschuldigung, Frau⁵ in dieser Gesellschaft in Frage zu stellen. Oder phasenweise nicht nur eine Wertigkeit, sondern das Frausein an sich. Nicht, dass ich darauf besonders viel Wert gelegt hätte, aber es aufgrund einer vermeintlichen Fehlfunktion abgesprochen zu bekommen, ist trotzdem unerfreulich. (Dafür liebe ich die neidvollen Blicke der selben Menschen, wenn ich erwähne, dass ich nur alle 2 bis 5 Monate blute.)

Es birgt also durchaus eine gewisse Ironie, dass sich Kinder ausgerechten bei_von mir gewünscht werden.
Zu meiner eigenen Kinder-ins-eigene-Leben-integrieren-Planung: Nachdem also relativ früh klar wurde, dass ein Dasein als Wirtskörper in meinem Fall nahezu unmöglich wäre, war die Reaktion in der Regel der Verweis auf die Möglichkeit einer Adoption. Ob ich denn überhaupt für ein Kind verantwortlich sein wolle, wurde weder von mir noch von anderen gefragt. Generell erlebe ich es zur Zeit eher so, dass ich gefragt werde, warum ich KEIN Kind großziehen möchte, als dass ich je gefragt wurde, warum ich das möchte. Dabei fallen mir für ein Für viel weniger (gelegentlich überhaupt keine) nennbaren Gründe ein. Und doch war bis vor Kurzem klar, Kinder gehören zu meiner Lebensplanung. Bzw. eigentlich EIN Kind, denn auch, wenn ich erstaunlicherweise immer von der Mehrzahl spreche, überstieg meine Vorstellung nie den Wunsch nach mehr als einem Kind. Von einer Mehrzahl zu sprechen ist vielleicht auch Zeichen einer unhinterfragten Übernahme einer für mich abstrakten, aber internalisieren Lebensvorstellung. Eine Lebensvorstellung, die bei näherer Betrachtung zunehmend befremdlich scheint. Denn das Umsorgen eines fremden Körpers beispielsweise, fühlt sch in erster Linie grenzüberschreitend und damit abschreckend an. Also in keiner Weise erstrebenswert. Trotzdem gehörte es als Abstraktum Kind(er), als erwartbare Größe, scheinbar selbstverständlich zu einer voraussetzbaren Lebensplanung.
Voraussetzbar, weil es verinnerlichte Grundhaltung ist, dass Frauen⁷ Kinder bekommen (wollen) und kleine Menschen zur Vollkommenheit eines weiblich identifizierten Lebens dazugehören. Bestimmte Erscheinungsformen werden intuitiv⁶ mit Gebärfähigkeit oder zumindest mit einem Willen zur Kindererziehung verbunden. Und scheinbar selbstverständlich werden diese Assoziationen zum Identitätsmerkmal und zur allgemeinen Service-Stelle erklärt. Less Debs, than allgemeine Auftragsverwaltung einer gesellschaftlichen Gebärmaschinerie. Natale Massenproduktion? Na gerne doch!

¹ „zufällig“, weil die Kategorien „Mädchen“ und „Junge“ ja nur scheinbar objektiv gewählte, aber in Wahrheit durch und durch konstruierte und, an willkürlich gewählten Merkmalen festgemachte, Beschreibungen sind.

² „Mädchen“ meint in diesem Fall eine Fremdzuschreibung von Außen, die aufgrund besagter willkürlicher aber gesellschaftlich leider normativ gesetzter Kriterien getroffen wird.

³ „allgemein“, weil von der Mehrheit der Gesellschaft so verstanden.

⁴ Eines „Partners“, weil in einer heteronormativen Denkweise, solange es nicht explizit anders benannt wird, Frauen⁵ nunmal Männer begehren.

⁵ auch „Frau“ ist in diesem Fall wieder eine, durch normative Lesarten von Körpern entstehende, Fremdzuschreibung

⁶ „Intuitiv“ meint hier keinen angeblich biologischen Reflex, sondern eine unbewusste Reaktion aufgrund internalisierter (Werte-)Vorstellungen und (Rollen-)Bilder.

⁷ Mit Mutter-Sein ist in der Regel nicht nur die Verantwortlichkeit für ein Kind gemeint, sondern auch der Prozess des Austragens und Gebärens.

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3 Gedanken zu “Ein Hoch auf den gesellschaftlichen Gebär-Imperativ!

  1. „(…) Mir war auch klar, dass scheinbar niemenschen in diesem Moment bewusst war, wie grenzüberschreitend und unangenehm sich diese Lesart und Funktionalisierung meines Körpers anfühlt. (…)“

    1A auf den Punkt gebracht!
    Super Artikel ❤

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