„24 Stunden“ oder „Du wünscht Dir, es wäre mein Absatz in Deinem Auge gewesen“


Wenn meine Wut einen offenen Brief schreiben könnte :

HEY! Du, der Du meinst mir gerade auf die Brüste starren zu dürfen oder ansetzt mich gleich anzusprechen oder mit einem Augenzwinkern Deine Hand auf meinen Hintern schnellen lässt, ich mache Dir ein Angebot:  ich tausche mit Dir für einen Tag!
Ich möchte, dass Du erlebst wie es ist jeden Tag angestarrt, angesprochen, angefasst und in Ecken gedrängt zu werden! Ich will, dass Du erfährst, was es heißt Dir überlegen zu müssen, was Du anziehen kannst und was nicht. Ich will, dass Du erfährst, was es heißt, wenn Menschen Dir und Deinem Körper distanzlos begegnen. Ich will, dass Du weißt, wie es ist Dich bei Freund_innen zu entschuldigen, weil Dir gerade eine Horde von Idioten hinterherläuft. Ich will dass Du weißt, was es heißt anderen danken zu müssen, wenn sich Dich vor einem penetranten Verfolger retten. Ich will dass Du einen Eindruck davon hast, was es bedeutet wenn ein „nein“, ein „lass mich in Ruhe“, eine räumliche Flucht ignoriert wird. Ich will, dass Du weißt was es heißt auf Treppen nicht mehr voraus laufen zu können, weil Du es zu oft erlebt hast, dass Dir aus dem Nichts an den Hintern oder unter den Rock gegriffen wurde. Ich will, dass Dir die Luft wegbleibt, wenn sich Deine Begleitung kurz wegdreht und sich plötzlich zwei riesige Menschen vor Dir aufbauen und Dich abdrängen, versuchen Dich zu isolieren, weil sie ihre Chance wittern. Ich will, dass Du gelähmt von Hilflosigkeit und Wut erstarrst. Dass Du spürst, wie unerträglich es ist, dem ganzen Scheiß allein ausgesetzt zu sein und wie noch unerträglicher es ist, wenn Freund_innen das miterleben (müssen). Ich will, dass Du spürst wie Dir die Galle hochkommt, wenn zum x-ten Mal ein Fremder Körperteile von Dir mit „geil“, „heiß“, „prall“ oder Unangenehmerem bezeichnet. Ich will, dass Du den Ekel in jeder Pore Deines Körpers erlebst, wenn Typen sich demonstrativ vor Dir in den Schritt greifen, Dir von hinten ins Ohr stöhnen oder Kussgeräusche machen. Ich will, dass Du weißt, was es für ein Gefühl ist, wenn Fensterscheiben herunter gekurbelt und abstoßende Dinge gesagt werden. Ich will, dass Du die Blicke erlebst, die nur die Assoziation von unkontrolliertem Speichelfluss und Gier zulassen. Ich will, dass Du an all den Hallos, den WieGehts, den IchTuDochNichts erstickst. Ich möchte Dich erschlagen mit all den WasMAchstDuNochSOs, den WarumDennNichts, den GibMirDochNeChances. Ich will Dir all die Sprüche und Blicke vor die Füße kotzen. Ich will, dass Du Dich vor Schmerz windest unter den fremden Händen, der Ohnmacht, den vermeintlichen Komplimenten.
Ich tausche mit Dir für 24 Stunden und ich sage Dir: das was für Du für die Hölle halten wirst, erlebe ich JEDEN VERDAMMTEN TAG!!! Dank DIR! Genau deswegen träume ich davon Dir meinen Absatz ins Auge zu rammen und dann lächelnd zu fragen „und Dir?“

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9 Gedanken zu “„24 Stunden“ oder „Du wünscht Dir, es wäre mein Absatz in Deinem Auge gewesen“


  1. Wow. Das Gefühl kenne ich.
    Am liebsten würd ich Deinen Text ausdrucken, als Handzettel, und jedem dieser Arschlöcher in die Hand drücken. (Das, und das mit dem Absatz)

    1. Sexuelle Belästigung ist das Werkzeug, die Motivation ist Macht.
      Ich habe gelernt, das viele Männer eher *Fantasien* haben, dass ihnen so begegnet wird (an jeder Ecke eindeutige Angebote von natürlich sexy Frauen zu bekommen, auch in aggressiver Form). Für Männer, die Frauen systematisch mit solchen Methoden zu schwächen – ihnen ihre Macht zu nehmen(!) – versuchen, ist der Brief eher eine Bestätigung, dass es toll funktioniert.
      Ich grabe seit einiger Zeit herum an diesem Thema, und sehe, dass dieser Zorn (den ich kenne) Ohnmacht ist, ich will aber nicht ohnmächtig sein, noch dazu in einer Gesellschaft, in der Wut bei Frauen als emotionale Instabilität (womöglich pathologisch) und vor allem als Schwäche angesehen wird.
      Ich biete Männern gerne aktive anale Penetration mit auch gerne dem ganzen Fuss, wenn die Faust nicht genug ist, an, völlig im Ernst und als sexy Angebot, und hake auch noch nach. Allerdings ist mir klar, dass das keine Vorzeige Methode ist, und schon gar nicht in irgendeiner Form moralisch überlegener.

    1. Das freut mich für Dich. Ich frage mich nur, warum es relevant ist, dass Du bestimmte Erfahrungen NICHT machst. Willst Du Erfahrungen in Frage stellen? Oder ist es eine indirekte Schuldzuweisung? Ist es Rumgetrolle? Was es auch ist, es ist unangebracht!

  2. Du spichst mir aus dem Herzen. Wenn sich nur mehr Frauen trauen würden, ihre Wut so herauszuschrei(b)en, dann könnten wir den ekligen Typen ihre selbstgefälligen Gesten leichter um die Ohren hauen. Am meisten kotzten mich diese sabbernden Blicke an, die mir zeigen sollen ich wäre nur ihr Stück Fleisch, frei zu Entnahme und bereit um benutzt zu werde. Vielen Freundinnen von mir geht es ähnlich.

  3. Ich hoffe, Du hast inzwischen den Mut gefunden, deine Vergewaltigung anzuzeigen. Das kann der erste Schritt auf dem Weg zu deiner eigenen Heilung sein.

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