Von Ekel, Ängsten und Ärzt_innen

Für mich hört Selbstfürsorge leider meist bei Ärzt_innen auf. Ich halte Dinge lieber aus, in der Hoffnung sie würden schon von allein besser werden, statt in eine Ärzt_innen-Praxis zu gehen. Ein Aushalten von und Arrangieren mit Beschwerden, ein Durchhalten, statt sich mögliche Hilfe zu suchen und zu nehmen. Der Gang zu Mediziner_innen ist mit Angst, Stress und dem Gefühl von Rechtfertigungszwang verbunden. Mir ist bewusst, dass die meisten Menschen nicht gerne zum Arzt gehen. Dort gibt es Spritzen und seltsame Gerüche und Menschen die in zu kleinen Räumen warten und versuchen sich nicht anzustarren. Doch dieser Text beschäftigt sich mit der Stigmatisierung von Dicken und Fetten Menschen im medizinischen Kontext.
Ich habe im Laufe diesen Jahres einen Onlinefragebogen erarbeitet, um ihm Rahmen meines Studiums Erfahrungsberichte von Dicken, bzw. Dick-gelesenen (aufgrund einer Selbsteinschätzung) Menschen im Kontext medizinischer Be_handlungen zu sammeln.
Das Ergebnis ist nicht neu, nicht überraschend, aber zeigt auf, wie weit die Stigmatisierung dick-gelesener Körper als „ungesund“ und „problematisch“ reicht und wie Dicke Menschen durch die meisten Mediziner_innen und weite Teile der Gesellschaft entmündigt werden.

Im hegemonialen Diskurs werden überwiegend Studien verhandelt, die einen Zusammenhang zwischen Dicksein und Gesundheit herstellen. Selten finden Studien Gehör, die gegenteiliges belegen. Dies führt dazu, dass dick-gelesene Menschen häufig in ihren Beschwerden nicht ernstgenommen oder Ursachen, wenn überhaupt, unzureichend abgeklärt werden. Oft geht damit einher, dass eine Gewichtsabnahme ohne das entsprechende Hintergrundwissen positiv und der Dicke Körper in der Regel negativ bewertet wird. In Bezug auf Dick- Sein wird die körperliche Selbstbestimmung häufig vergessen.

„I specifically requested a food allergy test but was told I „rely on Google too much“, so a diabetes, cholesterol tests were ordered instead.“ (Online-Umfrage-Teilnehmer_in Nr. 65)

“Ich versuche Arztbesuche zu vermeiden, wo ich kann, weil ich mich oft nicht ernst ge- nommen fühle, Beschwerden, die ich habe entweder auf die psychosomatische Ebene verschoben werden oder eben auf mein Gewicht zurückgeführt werden. Dass wirklich etwas mit meinem Rücken oder mit meinem Knöchel nicht ok sein könnte, […] wurde von mehreren nicht in Betracht gezogen.” (Online- Umfrage-Teilnehmer_in Nr. 86)

„Ich wurde zu meiner Abnahme beglückwünscht. Dass sie durch Prüfungsangst und innerhalb von nur einem Monat geschehen ist schien dabei irrelevant.“ (Online-Umfrage- Teilnehmer_in Nr. 82)

Bei Ärzt_innen-Besuchen steht bei mir, als Dicke Person, zunächst selten mein Anliegen im Mittelpunkt. Stattdessen werde ich zu meiner Ernährung und Sport befragt. Ich werde gewogen, abgemessen und gepikst, weil Mediziner_innen Dicke Menschen zwangsläufig für Diabetiker_innen halten.

Doch die Stigmatisierung Dicker Menschen hört nicht bei der Interpretation eines „kranken“ Körpers auf. So gelten dicke Menschen beispielsweise neben “ungesund” auch als “unhygienisch”, “dumm”, “problematisch”, “unästhetisch”, “faul”, “undiszipliniert” und “maßlos”, weniger “schön”. Auch dies findet sich in medizinischen Zusammenhängen wieder.
Immer wieder wird Dicken Menschen mit dem Zurückziehen der Gesichtshaut gezeigt wird, wie ihr “wahres” Gesicht eigentlich aussieht. Dadurch findet, zusätzlich zu der Abwertung, eine Entmenschlichung des eigenen Körpers statt. Identitäten werden in Frage gestellt, der “wahre” Körper als der ohne Körperfett gelesen.

Häufig werden Dicke Körper als eklig, die dazugehörigen Menschen als maßlos erachtet. Dicksein ist die eigene “Schuld”, und Folge von zu wenig Bewegung (Faulheit) und unkontrolliertem Essen (mangelnde Disziplin und Maßlosigkeit). Schon allein die Suche nach der Schuld, egal ob bei der Person an sich oder in den Genen oder durch eine Erkrankung, zeigt welche Wertungen und Verurteilungen dickgelesenen Körpern entgegen gebracht werden.
Diese Form der Gewalt, findet sich auch in der Befragung wieder:

„Ich glaube das einiges einfacher wäre wenn ich schlanker wäre, aber ich fühle mich sehr selten eingeschränkt.. ich bin fit obwohl ich übergewicht habe.“ (Online-Umfrage- Teilnehmer_in Nr. 10)

„…ich weiß, dass ich auch mit 135kg regelmäßig viel Sport gemacht habe und mich gut gefühlt habe. Leider wird einem auch dann noch immer suggeriert, dass 135kg NIEMALS ein Wohlfühlgewicht sein kann… also zwingt man sich, weiterhin abzunehmen, kapituliert dann unweigerlich und alles schnellt noch höher.“(Online-Umfrage-Teilnehmer_in Nr. 37)

„…Weiterhin bemerkte ich bei einigen Ekel vor meinem Körper, eine ruppige, unliebsame Behandlung und im allerschlimmsten Fall machte mir ein Sportarzt klar, dass sich mein Sohn irgendwann für mich, eine fette und irgendwann auch sehr kranke Mutter, schämen würde. Nie hat ein Arzt mich gefragt, wieso ich so dick sei und ob er mir helfen könne. Das einzige Thema war immer, ich müsse abnehmen.“ (Online-Umfrage-Teilnehmer_in Nr. 35)

Noch etwas anderes ist auffällig. Auf die Frage “Fühle ich mich wohl in meinem Körper?” unterschieden sich die gegebenen Antworten von nicht dick-gelesenen und nicht dick-identifizierten Menschen von denen dick-gelesener Menschen in der Länge. Antwortete eine nicht-dick gelesene Person auf die Frage damit, dass sie sich wohl fühle, tat sie das mit einem “ja”. Eine dick-gelesene Person dagegen gab bei einer Bestätigung eine wesentlich längere Antwort und fügte eine Erklärung hinzu. 
Dies zeigt, wer sich rechtfertigen muss, sich im eigenen Körper wohlfühlen zu dürfen und wer nicht.

“Meistens schon. Nach der Thematisierung meines Körpers als zu dick etc beim Arzt meistens ne Weile lang nicht.” (Online-Umfrage-Teilnehmer_in Nr. 64)

„ geht so. kommt auch drauf an, wie andere mich wahrnehmen, ob ich mich in meiner kleidung wohlfühle, wie viel selbstbewusstsein ich an dem tag habe, ob ich diskriminiert wurde oder komplimente bekam.“ (Online-Umfrage-Teilnehmer_in Nr.17)

„ JEIN,ich war schon immer sehr dick (140kg mit 16) und habe auch immer in sehr großen Dimensionen geschwankt (140 – 90 – 165 – 125 – 200)…. zwischendurch gab es immer wieder Zeiten, in denen ich mich sehr wohl gefühlt habe.“ (Online-Umfrage-Teilnehmer_in Nr. 37)

Aus medizinischer Perspektive gelten Dicke Menschen als Problem und Belastung des Gesundheitssystems. Als Verursacher_innen ihrer eigenen Beschwerden und als Behinderung ihrer Behandlung, weil beispielsweise Behandlungstische zu klein oder Untersuchungsgerätschaften zu eng sind.

Ich habe lieber monatelang Schmerzen, als mir anzuhören, dass mir mein Essverhalten nicht geglaubt wird, ich „so adrett“ sein könnte, wenn ich schlanker wäre, oder dem „strammen Fräulein“ aufgezählt wird, welches Leiden mit diesem Körperumfang in einer nahen oder fernen Zukunft auf sie zukommen wird. Ich mich rechtfertigen, mich angreifen lassen, ich mich auf einen dicken Körper reduzieren lassen muss. Und „ ich bin nicht die fetteste Person die ich liebe“ um Max Power zu zitieren.

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8 Gedanken zu “Von Ekel, Ängsten und Ärzt_innen

  1. Natürlich sollte man jeden Menschen immer genau so nennen, wie er oder sie es selbst für sich ausgesucht hat
    (»Magic Superchamp«, »Spiderman« und »Führer« vielleicht mal ausgenommen).
    Wie jemand sich selbst bezeichnet, soll eigentlich immer respektiertwerden.
    Da es mir aber nicht möglich ist, in einem Blogpost alle Leser so zu bezeichnen, wie sie es persönlich gut finden, benutze ich die politisch und akademisch
    korrekten Begriffe »Fett« und »dünn«.
    Dass »Fett« nachfolgend immer groß geschrieben
    wird, soll darauf aufmerksam machen, dass es kein wirkliches Attribut ist, also nichts »Biologisches«,
    sondern dass es eine politische Realität und Identität bedeutet. Auch hat »Fett«
    den Vorzug, dass es ein selbst gewählter Begriff ist und keine Zuschreibung.

    Diese Schreibweise hat sich im akademischen Umfeld und in Fachpublikationen etabliert.

    Bei »dünn« handelt es sich ebenfalls um eine Konstruktion.
    Da dieser Begriff aber im Gegensatz zu »Fett« keine politische Selbstbezeichnung aus einer Widerstandssituation herausist,
    wird er nicht verwendet.

  2. Danke für diesen Artikel! Ich habe da sehr viel wiederentdeckt, aber eben gerade in meinem eigenen Kopf. Ich danke dir, dass du mich darauf gebracht hast, meine Position/ Blickwinkel diesbezüglich doch mal zu wechseln!

    1. Es ist VÖLLIG egal WARUM Menschen dick sind. Menschen haben das Recht dick zu sein, ohne dafür Repressionen zu erfahren. Dicke Menschen erfahren Stigmatisierungen und Gewalt und Entmündigung, ihre Körper gelten aufgrund des Dickseins generell als „krank_haft“ und werden problematisiert. Das ist das Problem, dass der Text aufmacht.

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