Politik in Widersprüchen

In queerfeministischen Kontexten wird immer wieder gefordert sich klar zu positionieren. Und ich finde das Benennen von Positionen auch tatsächlich sehr wichtig um Normalisierungen durch Nicht-Nennungen aufzubrechen und eine Idee davon zu haben, aus welcher Perspektive gesprochen und gehört wird.

Nichts desto trotz bin ich immer wieder überrascht, wie wenig über Widersprüche geredet wird, wenn es um die Benennung von Positionierungen geht oder wie generalisiert bestimmte Positionen wahrgenommen werden.

Wenn ich zum Beispiel sage, ich bin eine weiße, dicke, studierte, ableisierte, jüdische cis Lesbe mit Psychiatrie-Erfahrung, scheint damit alles gesagt zu sein. Es ist offensichtlich klar, wo ich in dieser Gesellschaft stehe. Dabei finde ich das alles gar nicht so eindeutig.

Mein Leben als Lesbe
Ich bin eine Lesbe. Und ich erfahre in dieser Gesellschaft strukturell und institutionell Homophobie. Ich erfahre auch im Alltag Homophobie, aber nur unter bestimmten Vorraussetzungen. Aus heteronormativer Perspektive habe ich ein ziemlich perfektes Hetera-Passing. Bin ich nicht in Begleitung unterwegs oder geben mich zu erkennen, kann ich unter dem Radar fliegen und mache viele Erfahrungen, die andere Menschen in meinem Leben machen, nicht. Ich werde, wenn ich nicht gerade mit Partner_in unterwegs bin, nicht aus dem Nichts homophob angepöblet, bespuckt, angegriffen oder ähnliches.

Ich bin eine Lesbe, die auf Alltagsebene ziemlich oft Hetera-Privilegien hat. Das ist ein Widerspruch, mit dem ich umgehen muss. 
Das kann nerven und frustrieren. Was ich allerdings falsch finde, aber immer wieder erlebe, ist, dass einige Menschen, die ähnliche Erfahrungen (nicht) machen wie ich, aus diesen momenthaften Hetera-Privilegien eine Driskriminierungsform konstruieren. Selbstverständlich ist das Nicht-Erkanntwerden Resultat einer heteronormativen Logik. Allerdings finde ich es schwierig, aus dem Umstand, dass ich in bestimmten Zusammenhängen nicht erkannt werde und deswegen keine Gewalt und Anfeindungen erfahre, eine Form der Diskriminierung zu machen. Ich weiß, wie unangenehm es ist selbstverständlich als Hetera eingeordnet zu werden. Und wenn ich das aufkläre, mache auch ich in der Regel homophobe und gewaltvolle Erfahrungen (und es überhaupt aufklären zu müssen ist natürlich schon das Problem!). Aber ich habe immerhin in solchen Momenten die Wahl. Ich kenne viele Menschen, die werden von vorne herein als Lesben eingeordnet und erleben so alltäglich homophobe Diskriminierung und Gewalt auf der Straße, unter Kolleg_innen, im Supermarkt, in der Schule… Einfach nur, weil sie da sind.
Und ich kenne auch durchaus die Kehrseite. Ich weiß, wie es in queeren und lesbischen Räumen als Lesbe ist, von der niemand findet, dass sie lesbisch aussieht. Ich kenne die skeptischen, oft sogar feindseligen Sprüche auf Lesbenpartys. Und der Kampf um credibility in queeren Kontexten. Ich weiß, wie es ist in politischen Räumen nicht ernstgenommen oder als Fremdkörper wahrgenommen zu werden oder um Solidarität kämpfen zu müssen. Ich weiß, wie neidisch ich bin, wenn ich mit Leuten unterwegs bin, die sich mit anderen Leuten in der Bahn zugrinsen, ohne dass man sich kennt, aber weil man sich ERkennt. Ich bin neidisch, weil wenn ich das mache, bin ich einfach nur creepy. Und das verstehe ich auch. Ich weiß, wie es ist von Homophobie zu sprechen und Leuten gegenüber zu stehen, die einem Mitten ins Gesicht sagen, dass ich als Hete ja gar nicht wisse, wovon ich rede.
ABER mir ist eben auch bewusst, dass mein Hetero-Passing mir oft den Alltag leichter macht. Auch wenn ich strukturell und institutionell von hetero-sexistischen Strukturen ebenso betroffen bin, wie meine Freund_innen, kann ich häufig von Alltagsprivilegien profitieren. Auch wenn diese meiner tatsächlichen Lebensrealität nicht entsprechen, kann ich sie bis zu einem bestimmten Grad trotzdem nutzen!
Mein lesbisches Leben voller Widersprüche!

Mein Leben ohne Klassismus
Wenn ich sage, dass meine Mutter Suizid begangen hat, mein leiblicher Vater drogensüchtig war (vielleicht auch noch immer ist, das weiß ich nicht), ich mit 14 im Mädchennotdienst gelandet bin, mit Hilfe des Jugendamtes dann bei einer Bekannten meiner Mutter untergebracht wurde, dort rausgeflogen bin, dann eine Zeit bei der einen oder anderen Freundin untergekommen bin und dann zurück zu meinem drogensüchtigen leiblichen Vater musste, bei dem ich nicht mal regelmäßig was zu essen bekommen habe,  ich anschließend eine zeitlang bei meiner Pflegefamilie und dann einige Jahre in betreutem Wohnen gelebt habe, habe die Menschen ein ziemlich klares Bild.
Ich bin als Teenager im deutschen Hilfe- und Fürsorgesystem gelandet und hab schnell gelernt, dass das weder ein Coolness-Faktor noch ein Erfolgsbooster ist. Ich weiß, dass viele Menschen sich bei dieser Biographie vorstellen, dass es sich um eine „Unterschichtsbiographie“ handelt. Als ich bei der Bekannten meiner Mutter untergebracht wurde, glaubte sie, es sei ihre Aufgabe mit Ausgangsperren und Freund_innen-Verbot dafür zu sorgen, dass ich nicht auf die „schiefe Bahn“ gerate. Dabei war es völlig egal, dass ich auf dem Gymnasium war, gute Noten hatte, nichts mit Drogen zu tun hatte und sie sogar sehr eng mit meiner Mutter befreundet war, als die noch lebte. Ich war das Kind mit der toten Mutter, wegen dem das Jugendamt angerufen hatte, weil es im Mädchennotdienst gelandet ist. Ein Problemkind. Ich wurde bei ihr, aber auch bei einigen Lehrer_innen zum „Sozialfall“.

Im betreuten Wohnen wurde ich dann wiederum zur offiziellen Erfolgsgeschichte, weil ich nach einigen Anläufen mein Abi mit hervorragenden Noten geschafft habe und dann sogar anfing zu studieren. Ich war die, die gezeigt hat, dass man es schaffen kann!

Ich kann meine Geschichte aber auch ganz anders erzählen: Meine Mutter war Akademikerin. Ihre Mutter einer der ersten Doktorandinnen der Physik in Deutschland. Solange meine Mutter lebte, hatte ich Musikunterricht, hab zum Spaß Gedichte auswendig gelernt und hörte Kassetten über das Leben von Mozart, Händel, Bach und co. Als sie dann starb, kam ich zu meinem leiblichen Vater, der zwar der erste seiner Familie ist, der studiert hat, aber aus einer ungemein reichen Familie kommt und Beamter im gehobenen Dienst ist. Ich hab dann mein Abitur mit hervorragenden Noten gemacht, habe sofort einen Studienplatz bekommen und studiere jetzt.

Erzähle ich den ersten Teil, stellen sich die Menschen häufig einen sozialen Morast vor, aus dem ich gekrochen bin. Ungefähr so, war auch die Darstellung der BetreuerInnen des betreuten Wohnens, wenn sie meine bzw. ihre Erfolgsgeschichte erzählten. Denn ich habe es wider ihres Erwartens geschafft ein gutes Abi zu machen und zu studieren. Ich habe für sie den Aufstieg von ganz unten nach oben geschafft!
Dabei war es innerhalb der Familie, aus der ich kam selbstverständlich, das Abitur zu machen und zu studieren. Niemand hätte es dort als Erfolg gefeiert. Ein Werdegang, der nicht anders zu erwarten war. Auch wenn ich ein Bisschen lang gebraucht habe. Bildungsbürger_innentum eben.

Teil 1 der Erzählung und Teil 2 scheint für viele Menschen ein Widerspruch zu sein. 
Weder kann ein AkademikerInnen-Bildungsbürger_innen-Kind mit einer Biographie wie der oberen leben.
Noch kann die Jugendliche mit der oberen Biographie Kind eines AkademikerInnen-Bildungsbürger_innentums-Haushalts sein.

Aber ich bin zu noch mehr Widerspruch und Positionierungshürden fähig. Nachdem meine Mutter starb, als ich neun war und mein leiblicher Vater sich als nicht besonders erziehungsgeeignet herausstellte, waren die Mitglieder meiner Pflegefamilie die, die sich zum größten Teil um mich kümmerten und mich prägten. Meine Pflegefamilie besteht allerdings nicht aus Akademikerinnen. Es ist eine SchneiderInnenfamilie. Da sie seit ich neun bin den Großteil der Erziehungs- und Bildungsarbeit mir gegenüber übernommen haben bleibt jetzt die Frage, was zählt. Bin ich vielleicht doch ein Arbeiter_innen-Kind?

In der Regel ist für mich klar, dass ich mich als akademisch geprägt und aus dem Bildungsbürger-innentum stammend positioniere. Allerdings merke ich, dass ich damit auch manchmal struggle, weil ich in Kontexten merke, dass es so einfach eben nicht ist. Ich Angst habe enttarnt zu werden, aufzufliegen, dass ich in der Wissenschaft nichts zu suchen habe, obwohl ich es dort liebe. Und ich habe das Gefühl beweisen zu müssen, dass ich dort sein darf. Gleichzeitig wird mir mein Platz in akademischen Zusammenhängen tatsächlich aber immer zugestanden und nie in Frage gestellt. Wenn ich bestimmte Erzählungen weglasse, sagt mein Habitus also offensichtlich sehr deutlich Bildungsbürger_innentum, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt und ganz so einfach eben auch nicht ist.

Mein Leben als Dicke
Ich erlebe, wie fremde Menschen es kommentieren, wenn ich in der Öffentlichkeit esse oder dass es Leute witzig finden lautstark in der Bahn über Zusammenhang und Wirkung von meinem kaputten Fuß und meinem (ich zitiere) „Schwabbel“ zu sinnieren.
Ich erlebe, dass Leute im Schwimmbad es okay finden zu sagen „Ih ich bin ans Fett gekommen“, wenn sie mein Bein streifen oder dass Leute laut und widerlich davon reden, dass meine Oberschenkel meine Hose fressen. Ich erlebe dass Leute, denen ich im Weg stehe, sich bemerkbar machen mit „schieb mal Deinen fetten Arsch zur Seite“ oder dass Leute es mutig finden, wenn ich bestimmte Sachen trage oder nicht trage (obwohl…).
Ich erlebe, dass Leute denken „geil, was zum Anfassen“ wäre ein angebrachtes Kompliment und dass Leute mich „Atompo“ nennen. Ich erlebe dass Leute glauben „der Arsch reicht für zwei“ wäre ein vertretbarer Kommentar, wenn ich mich hinsetzte und dass Leute Sprüche wie „schau mal, die Cellulite hat Bein!“ mir gegenüber raushauen.
Ich erlebe, dass fremde Leute es witzig finden, wenn ich mit einem dünnen Rock in der Bahn sitze, mit ihrem Knie meins anzuschubsen und zu sehen wie lang es wabbelt und das mit „Nachbeben“ kommentieren und dass Leute „vorsicht es frisst Dich!“ rufen, wenn ich mich bücke.
Aber oft bin ich eben auch die dünnste unter den dicken. Wenn die Ärmel weit sind, bekomme ich meinen Oberkörper in H&M-Standart-Klamotten und mit meinem sanduhrförmigen Körper und meinem Kleidungsstil darf ich als „Ideal einer anderen Zeit“ mit Komplimenten rechnen und weiß, dass ich nah an der Norm bin.
Ärzt_innen werden blass bei meinem BMI und in der Regel liegt auch erstmal alles an meinem Gewicht, meiner Ernährung, meinem Bewegungsmangel oder was noch alles in meinen Körper hinein interpretiert wird. Aber ich werde auch für Werbekampagnen und Fotoshootings angefragt, weil ich eine „hübsche“ Dicke bin. Ich bin als Dicke für viele eben irgendwie dann doch noch erträglich.

Mein Leben Psychiatrie-Erfahrung
Ich habe eine Menge Psychiatrie-Erfahrung. Ich weiß, was es bedeutet der „Psycho“ zu sein, weil ich Medikamente nehmen muss und ich in Kliniken bin. Ich weiß, dass bestimmte Diagnosen der Grund sind, warum ich bestimmte Versicherungen in meinem Leben nicht mehr abschließen kann. Ich hab mehr als einmal erlebt, wie meine Psychiatrie-Erfahrung in zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen gegen mich verwendet werden kann und wie bestimmte Diagnosen das eigne Selbst dermaßen erschüttern können, dass man sich selbst verliert. Ich habe erlebt, wie es passieren kann, dass man mit Medikamenten voll gepumpt wird, dass man Tage verliert und wie peinlich berührt Gesichter werden, wenn man auf die Frage, wo man die letzten Wochen oder Monate war, ehrlich antwortet. Ich weiß, dass Psychiatrie-Biographien einer Person ganz schön viel Lebensweg verbauen können.
Aber oft wird vergessen, dass Psychiatrie-Erfahrungen sammeln zu können, neben all der Stigmatisierungen, auch etwas mit Privilegien zu tun hat. Wer kann Psychiatrie-Erfahrungen in welcher Form sammeln? Wer hat Zugang? Wer wird zum Beispiel direkt kriminalisiert? Wer hat Zugang zu einem „Gesundheits“system? Wer hat die Zeit und Ressourcen solche Hilfsangebote in Anspruch nehmen zu können?
Psychiatrie-Erfahrung als Betroffenheitskategorie ist für mich deshalb von vorne herein ein Thema, dass ohne die Betrachtung von Widersprüchen nicht auskommt.

Mein Leben in Widersprüchen
Das sind nur einige Beispiele, bei denen ich merke, dass ich nicht umhinkomme mich mit Widersprüchen auseinander zu setzten. In den Diskussionen scheint es so, als seinen Positionierungen per se eindeutig, grenzscharf und immer benennbar. Und bei einigen mag das stimmen. Ohne innerer oder äußere Widersprüche kann ich sagen, dass ich weiß  bin.
Aber schon bei anderen Positionierungen, die mir eben so klar sind, wie jüdisch, lesbisch, cis wird es inhaltlich komplexer. Und ich merke, dass diese Kategorien zwar im ersten Moment etwas eindeutiges benennen, aber die Lebensrealitäten, die dahinter stehen, bzw. damit einher gehen, keine Konstanten oder klare Inhalte bilden.
Und was ist, wenn ich eine Positionierung nicht klar beziehen kann, weil die Antwort nicht so einfach ist? Ich rede nicht von oppression olympics, wo versucht wird möglichst viele Betroffenheiten zu modelieren, um möglichst wenig Verantwortung zu übernehmen und nach Möglichkeit am aller betroffensten zu sein. Ich rede von dem Umgang mit Widersprüchen als politische Praxis. Auch im Umgang mit Identitätskonstruktionen und Positionierungen innerhalb von Machtstrukturen. Mir fällt es leichter zu sagen, dass ich nicht von Klassismus betroffen bin, wenn ich weiß, dass damit die Folgen und Einflüsse, die eine Fürsorge-System-Biographie und mein Leben in meiner Pflegefamilie mit sich bringen, einen Bruch in dieser Positionierung darstellen können und dürfen und je nach Kontext auch relevant werden.
Gleichzeitig finde ich es aber genauso wichtig deutlich zu machen, dass zum Beispiel meine Alltagserfahrungen als Lesbe sich von denen vieler anderer Lesben unterscheiden und ich, ob es mir passt oder nicht, momenthaft im Alltag Hetero-Privilegien genießen kann.
Es ist möglich sich in statischen Identitätskategorien zu bewegen, aber ich glaube, dass das Ausblenden von Widersprüchen innerhalb dieser dazu führt, dass zum einen ein wichtiger Faktor in der Positionierungs-Debatte verloren geht. Darüber hinaus scheint die fehlende Auseinandersetzung mit Widersprüchen innerhalb von Positionierungen und Identitätskonstrukten aber auch dazu zu führen, dass Menschen neue (oberflächliche) Diskriminierungskonstrukte konstruieren müssen, um mit diesen Widersprüchen umzugehen (z.B. Biphobie, Femmephobie*)

*Biphobie und Femmephobie sind bei genauerer Betrachtung jeweils das Zusammenspiel anderer Ungleichheitskategorien, wie Heterosexismus, Homophobie, Sexismus etc. und damit keine eigenen Diskriminierungsdimensionen, sondern sollten auf die dahinter liegenden Machtstrukturen, die sie speisen, untersucht werden.
Ich möchte dabei nicht falsch verstanden werden: Femininitätsfeindlichkeit ist zum Beispiel definitiv ein Problem innerhalb Queerer Kontexte. Allerdings würde ich behaupten, dass die Ursache dafür internalisierter Sexismus ist.

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3 Gedanken zu “Politik in Widersprüchen

  1. Vielen Dank für diesen zum Denken aufrufenden Artikel! Und danke für die Beispiele aus deiner Biographie- in denen ich und Freundinnen sich in Teilen wiederfinden können.

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