Wen(n) wir verraten

Mensch kann viele Dinge verraten: Geheimnisse, Lösungen, sich selbst und andere.

Ich denke schon eine ganze Weile über verschiede Aspekte dieses Textes nach und nehme das Gefühl, mich durch das nicht erzählen, selbst zu verraten, zum Anlassen einen Text über sie alle zu schreiben. Ich merke, wie es mir seit Monaten schlecht geht, weil ich mich nicht traue Dinge durch schreiben zu politisieren, die politisiert gehören. Wie ich unter dem Gefühl leide, Tabuisierungen aufrecht zu erhalten, weil ich das Gefühl habe nur verlieren zu können, wenn ich nicht mitspiele. Dabei ist es ja eigentlich genau der Grund für dieses Blog, eigene Regeln zu haben und mit Normen und Tabus zu brechen. Ich stelle erschreckt fest, wie ich darauf verzichte dieses Instrument des Empowerments zu nutzen, weil die Angst so groß ist, mich angreifbar zu machen, am Ende die Verrückte zu sein und Menschen, für die es einfach ist, mich und meine Wahrnehmung darüber zu negieren in die Hände zu spielen.

Dabei ist so vieles mit einander Verwoben, dass es gar nicht so einfach ist einen Anfang zu finden. Aber beginnen wir beim Verrückt sein: Ich schreibe über meine Psychiatrie-Erfahrung und mache daraus kein Geheimnis – könnte Mensch meinen. Doch bleibe ich dabei häufig wage und unkonkret. Ich traue mich nur selten über all die (krassen) Diagnosen zu schreiben, die ich in meinem Leben schon bekommen habe und was diese für mich bedeutet haben. Ich erwähne selten, dass ich weiß, wie eine geschlossne Psychiatrie von Innen aussieht und auch jetzt schreibe ich lieber „von Innen aussieht“, statt zu schreiben „was es bedeutet als Patientin freiwillig und unfreiwillig auf einer geschlossen Station untergebracht gewesen zu sein. Ich deute an, in der Klinik zum Teil sehr starke Medikamente bekommen zu haben, aber nicht, dass ich über Jahre freiwillig krasse Medikamente genommen habe und was das mit mir gemacht hat. Ich schreibe nicht über die (früheren) Selbstverletzungen und Suizidversuche und schaffe es auch nicht darauf zu verzichten darauf hinzuweisen, dass das heute alles nicht mehr so ist.

Ich kann über den Anzeigeprozess nach der Vergewaltigung, die ich erlebt habe schreiben, aber nicht über die Gewalt, die ich in meiner (Liebes-)Beziehung erlebt habe. Ich kann über die Reaktionen von anderen auf mein Jüdisch-Sein schreiben, aber nicht über den Antisemitismus und den Anti-Judaismus in meinen (Paar-)Beziehungen. Ich kann über meinen Körper als Gewand schreiben, aber nicht darüber welche Selbstzweifel dazu führen, dass ich darüber nachdenke mit meinem neuen ‚seriösen‘ Job nur noch Stoff und nicht mehr meine Haut als Gewand zu tragen. Ich kann über mein Jüdischsein schreiben, aber nicht über meine eigene Gefühlswelt, die damit verbunden ist.

Das klingt wie eine zusammenhanglose Aufzählung von Dingen, über die ich (noch) nicht geschrieben habe, aber die an sich nichts mit einander zu tun haben. Gerade die letzten Monate habe mir bewiesen, dass es nicht so ist. Über allem schwebt das Verrücktsein.

Ich hatte früher sehr viele Freund_innen aus Psychiatrie-Kontexten (dazu gehört auch die therapeutische Wohngemeinschaft, in der ich fast zwei Jahre gelebt habe), heute habe ich bis auf eine Ausnahme keine mehr. Ich sage mir oft selbst, dass dies damit zu tun hat, dass wir uns auseinandergelebt haben. Wenn ich ehrlich bin, ist es nur ein Grund. Ich spare aus, dass es viel damit zu tun hat, dass ich mitspielen wollte. Wenn Du irgendwo hin willst (egal ob im kapitalistischsten Sinne oder sozial oder akademisch oder zwischenmenschlich) ist es wie ein riesiger ekelhafter Kaugummi, der in Deinen Haaren klebt, wenn Deine Psychiatrie-Karriere sichtbar wird. Niemand sagt was und wenn doch geben sie Floskel zum Betsen, dass Du ja nichts dafür kannst, aber neben Dir und dem riesigen Ekel-Kaugummi sitzen will trotzdem niemensch. Und auch wenn wir so tun wollen, als wäre es nicht so, es wertet ab. Es ist mir nicht (kaum) anzumerken, wenn ich es nicht sage und keine Freund_innen habe, die ein schlechteres Passing haben als ich oder ich erklären muss, woher ich sie kenne. Also habe ich versucht mir den Kaugummi fein säuberlich aus den Haaren zu kämmen und mir so mehr Chancen zu schaffen. Das ist nicht cool, weil ich damit in der Logik verbleibe, die genau die Menschen stigmatisiert, die anders als ich, nicht die Möglichkeit haben die Kaugummi-Reste unter einem schicken Hut zu verbergen, aber lange habe ich keine andere Chance für mich gesehen und wenn ich ehrlich bin, weiß ich auch nicht, ob es die tatsächlich gegeben hätte. Ich habe mitgespielt und das ist mit Sicherheit nicht die politischste Entscheidung gewesen, aber es war eine, wenn auch nicht immer bewusst.

Und die Kaugummi-Reste bleiben. Ich kann über die Folgen der Vergewaltigung schreiben, aber weder über die Gewalt in meiner ExBeziehung, noch die Folgen dieser, weil ich eben doch die Verrückte bleibe. Ich erlebe in Beziehungen immer wieder, wie mir meine Wahrnehmung abgesprochen und ich für verrückt, paranoid, gestört erklärt werde. Und das ist SO(!) einfach, denn rein formal bin ich in meinen Liebesbeziehungen immer die Verrückte gewesen (ich möchte hier explizit J. ausnehmen, auch wenn sie das hier wahrscheinlich nie lesen wird, ist sie die Einzige, die meine formale Verrücktheit nicht gegen mich verwendet hat. Vielen Dank dafür!). Ich kann mich im Nachhinein gar nicht politisch zu meiner Beziehung verhalten, weil ich nur verlieren kann. Ich konnte es auch in der Beziehung kaum. Eigentlich bleibt mir nur übrig die Füße still zu halten, denn egal, wie ich das Geschehene, die Gewalt politisieren wollte, am Ende bin ich die Verrückte. Weil ich darüber schreibe, weil ich mich ‚Einopfere‘, weil darüber schreiben, bedeuten würde laut zu sein und weil Verrückte nicht laut sein sollten, das lässt sie nur noch verrückter wirken und weil meine Wahrnehmung die einer Verrückten ist. Also verrate ich mich selbst und verweigere mir den Umgang damit, den ich eigentlich brauche. Ich schweige und werde bei dem Versuch dem Bild der Verrückten nicht gerecht zu werden wahnsinnig…
Also mache ich die (körperliche) Gewalt, den Antisemitismus und Antijudaismus nicht öffentlich. Vielleicht geh ich stattdessen zur Beratung. Denn zur Beratung gehen dürfen wir Verrückten. Es wird vielleicht sogar von uns erwartet.

An den Kaugummi-Resten bleiben auch andere Dinge hängen. Auf einmal frage ich ich mich, ob es an der Zeit ist seriös(er) zu werden. Ob ich die Kunst, die ich mache, auch weiterhin machen kann. Kann ich meinen dicken kleinen Körper auch weiterhin in (fast nur) Glitzer und Muscheln und Haut inszenieren? Kann ich weiterhin Fotos von mir mit Haut als einzige Garderobe veröffentlichen? Kann ich dieses Blog noch schreiben? Kann ich mir als Verrückte erlauben auch weiterhin Kunst zu machen, bei der meine Haut mein Abendkleid, meine Ironie, meine Leinwand ist? Oder bedeutet das für meine berufliche Zukunft, für meinen neuen seriösen, repräsentativen, richtig wichtigen und super fancy Job, dass mich erstrecht niemensch mehr ernst und in meiner Position wahrnimmt? Die feministische Antwort ist klar: Klar kann ich das! Aber aus verrückter Perspektive ist es nicht so einfach. Ich mache meine Arbeit in normativen Kontexten und ich kann meine Kaugummi verklebten Haare meistens, aber eben nicht immer verstecken. Und wie verrückt ist denn bitte eine nackte Verrückte?! Die verrückte Feministin in mir denkt „den letzten Satz kannst Du so doch nicht schreiben!“. Für die feministische Verrückte ist das nicht so einfach.

Und wenn ich jetzt noch sage, dass meine Verzweiflung, meine Trauer, meine Angst, meine (ehemaligen) Selbstverletzungen und Suizidversuche, meine behauptete Persönlichkeitsstörung und -spaltung, das vermeintlich Bipolare, das angebliche Borderlineige, meine Dissoziationen, meine Müdigkeit, meine gemeinte Anpassungsstörung, meine Wut, kurzum meine Verrücktheit gar nichts mit dem Diagnose-Ekel-Kaugummi in meinen Haaren zu tun hat, sondern vielleicht zu riesigen Teilen mit meinen Erfahrungen als (dicke lesbische) Jüdin in Deutschland, als Tochter einer Jüdin in Deutschland, als Teil einer jüdischen Familie in Deutschland zu tun hat, wird es für viele gleich noch verrückter. Kaugummi-Overkill! Ich spüre, wie sie die Augen verdrehen/verdreht und schreibe es deswegen lieber nicht. Die Verrückte redet sich raus, opfert sich ein, übernimmt keine Verantwortung, ist wieder, na klar: verrückt… Ich kann verrückt und Jüdin sein, aber zu behaupten, dass mir der Ekel-Kaugummi in den Haaren klebt, weil ich, meine Wahrnehmung, mein Erleben und mein Schmerz als (dicke, lesbische) Jüdin in Deutschland, als Tochter einer Jüdin in Deutschland, als Teil einer jüdischen Familie in Deutschland pathologisiert werden, geht zu weit. Ich könnte auch als Nichtjüdin genauso verrückt sein und würde von dieser Gesellschaft genauso stigmatisiert werden, aber ich bin es als (dicke lesbische) Jüdin in Deutschland, als Tochter einer Jüdin in Deutschland, als Teil einer jüdischen Familie in Deutschland und glaube nicht, dass das das getrennt gedacht werden kann und will das auch nicht mehr. Aber das schreibe ich lieber nicht. Das aus dem Munde einer Verrückten, kann nur verrückt sein.

All das treibt mich seit Monaten und Wochen um und immer, wenn ich mich an die jeweiligen Texte setzten wollte, hörte ich die Stimme die weint und schreit: Wenn Du das tust, spielst Du Ihnen/ihr in die die Hände. Du kannst nichts tun ohne Ihnen/ihr die Instrumente zu reichen, alles zu rechtfertigen, es gegen Dich zu verwenden, ihre eigene Position zu stärken… Sie werden Dir ihre eigenen Kaugummis ins Haar kleben und sich entspannt zurücklegen und ihhh rufen. Dabei ist das „sie“ mal ganz konkret, mal ganz abstrakt. Also habe ich den Laptop zugeklappt und hab mich in den Wahnsinn treiben lassen, mich selbst getrieben.
Weil das so auf Dauer aber nicht weiter geht, habe sich die verrückte Feministin und die feministische Verrückte in mir bei einem Stück Himbeer-Torte zusammen gesetzt und beschlossen, dass jetzt Schluss ist mit der verrückten Selbstzensur und -kasteiung (ist ohnehin nur christlicher Scheiß) und hier ist der Text aus all den ungeschriebenen Gedanken, ein Text über die Macht der Tabus und über die Tabus selbst, über das Schweigen aus Angst und Schreiben als Empowermentstrategie und das Verrücktsein, denn being mad is beautiful. Dieser Text ist ein Anfang, damit ich mich nicht weiter selbst verraten muss und es anderen überlassen kann mich verrückt zu nennen.

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5 Gedanken zu “Wen(n) wir verraten

  1. dein text macht mir nochmal deutlich, wie viel wir sprechen können und dabei so viel auslassen (müssen) und wie wichtig doch die klaren worte sind. klare, konkrete worte wie du sie immer wieder verwendest. dafür schätze ich deine texte, dich, sehr. wollt ich dir kurz dalassen, diese gedanken.

  2. Dem Wahnsinn eine Stimme geben und dann auch noch intersektionalistisch. ich bin sehr beeindruckt und hätte gerne mehr davon. Es ist sicher nur ein Anfang. Bitte erzähl mehr von deinen Erfahrungen. ich weis du wirst damit immer auch gegen einen Sturm anschreien. Aber dann macht es wenigstens mal jemand.
    nochmal vielen dank für den text.

  3. „Ich stelle erschreckt fest, wie ich darauf verzichte dieses Instrument des Empowerments zu nutzen, weil die Angst so groß ist, mich angreifbar zu machen, am Ende die Verrückte zu sein und Menschen, für die es einfach ist, mich und meine Wahrnehmung darüber zu negieren in die Hände zu spielen.“

    okay das ist das erste text den ich lese auf deinem blog und bei der passage war doch sofort klar: dir will ich folgen. danke für deinen text der ist super und auch empowerment!

    Ina

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