Liebeserklärung an die, die mich nicht will – Nicht gehen und nicht bleiben können

Es gibt Momente, da möchte ich es von Deinen Dächern schreien: Berlin ich liebe Dich! Berlin ist der Ort mit dem ich mein Leben planen will. Ich wünsche es mir. Und gleichzeitig: Das Leben in Berlin macht mich wund. Das weiß ich schon lange. Es tut mir weh, reibt mich auf, manchmal habe ich das Gefühl es verzehrt mich. Und gleichzeitig ist Fortgehen keine Option.

Leute machen lange Reisen, Auslandssemester, gehen mal für ein Jahr weg und ich bleibe. In Berlin. Kann nicht mal daran denken, mein Leben woanders zu planen. Ich bleibe weil ich nicht gehen will und nicht gehen kann. Aber oft weiß ich nicht, wie lange ich das Bleiben noch aushalte.
Ich erkläre mich:

Das nicht gehen wollen und nicht bleiben können
Ich liebe Berlin. Berlin ist der Ort an dem ich leben WILL. Und gleichzeitig ist auch Berlin eine deutsche Stadt. Berlin macht mich wütend, weil Berlin mir weh tut, obwohl ich es so sehr liebe. Wir haben eine schlechte Beziehungsdynamik. Ich möchte hier ankommen, hier sein, hier ruhen und Berlin treibt mich, verletzt mich, lässt mich nicht heilen, ist deutsch und bleibt deutsch und bleibt wie ein Versuch mit Putz zu kuscheln. Berlin sollte mein Zuhause sein und wird es einfach nicht. Berlin ist zu deutsch und ich bin zu jüdisch. Ich leide hier oft und gleichzeitig hängt mein Herz an dieser Stadt. Ich denke oft, ich muss das Land zu dem Berlin gehört verlassen und werde dann wütend. Ich will nicht fortgehen müssen, will nicht zu all jenen gehören, die den Kampf mit dieser Stadt, die auch Teil dieses Landes ist, aufgeben. Ich werde trotzig und denke, dann hat dieses Land gewonnen und ich begebe mich… wohin? In ein emotionales Exil? Berlin ist Deutsch und dass ist eine schmerzhafte Erkenntnis, die ich nicht mehr vor mir verbergen kann, unter all dem Wund- und Aufgeschlissen-sein, dem Gefühl des Kämpfens und Überlebens. Es bildet sich gar nicht erst Schorf. Dabei ist es eigentlich nicht mal mein Anspruch in dieser Stadt, die zu diesem Land gehört zu heilen. Ich kann ne ganze Menge Leid_en ertragen (Ich hoffe dass bei all der Tragik und Pathetik dieses Satzes, die wundervolle Leah an dieser Stelle trotzdem schmunzeln muss und einen sarkastisches Spruch dazu macht, wenn wir uns das nächste Mal sehen. Das würde mir Freude bereiten). Doch ich kann mich nicht unendlich weit aufreiben und wundreiben lassen von diesem Land mit dieser Stadt, sonst bleibt am Ende wohl nichts von mir übrig. Außer vielleicht einem Häufchen wundes Fleisch und Tränen.

Das nicht gehen können und nicht bleiben wollen
Doch manchmal will ich sogar kurz gehen und kann es nicht. Ich verlasse dieses Land nicht länger als zwei Wochen. Keine drei, keinen Monat, kein Jahr. Es ist nicht so, dass mich die Welt nicht interessiert. Es ist nicht so, dass ich dieses Land und der Liebe zum Trotz, auch diese Stadt manchmal satt habe und mir eine Beziehungspause wünsche. Es ist nicht so, dass ich nicht manchmal neidisch bin, wo Leute schon überall waren und „gelebt“ haben. Es ist nicht so, dass ich nicht wüsste, dass das in einem Lebenslauf, bei einer akademischen Karriere oder auf einer Dating-Website verdammt gut aussähe. Aber ich habe das Gefühl ICH KANN NICHT GEHEN. Ich habe Angst. Diffuse, treibende Angst. 
Manchmal bin ich in meiner Wohnung und brauche sehr lange, um mich aufzuraffen los zu gehen. Ich habe die Phantasie, dass sich nur meine Wohnung noch im hier und jetzt befindet und der Rest der Welt hat sich in einem Wurmloch verfangen und wurde im Jahre 1943 wieder ausgespuckt. Ich öffne die Tür und draußen stehen braun Uniformierte, es blitzen Runen und Adler und die Welt wirkt ein Bisschen mehr wie in Sepia getaucht. Die Rückblende in einen Alptraum als meine und in meiner Gegenwart.
Oder über Nacht hat sich die politische Situation gedreht. Jüd_innen werden wieder verfolgt, draußen wartet der gleiche Alptraum, nur mit Smartphones und Jeans und ich weiß noch von nichts, weil ich vergessen habe Radio zu hören oder sie uns nicht vorwarnen wollten. Über Nacht gibt es die Welt, die ich kenne nicht mehr. Und DAS ist meine Angst vor dem Weggehen. Ich habe Angst, dass ich weggehe und wenn ich wiederkomme, gibt es die Welt in der ich gelebt habe nicht mehr. Ich habe Angst, dass alles weg ist, meine Sachen, mein Leben, die Menschen, die ich liebe, die Gesellschaft die ich kenne und die ich zwar bedrohlich finde, die mich aber zumindest nicht staatlich organisiert jagt, verfolgt oder umbringen will. Ich habe Angst, dass ich plötzlich nicht mehr zurück kommen darf. Dass endgültig klar ist, dieses Land will mich nicht mehr. Ich habe keine Heimat, kein Leben, kein zurück mehr. Ich war im Urlaub und am Ende habe ich nichts weiter als den Koffer mit dem ich in meiner Naivität gegangen bin. Immer diese Koffer… Ich habe das Gefühl ich klammere mich an mein Leben hier, solange ich es noch darf. Dabei gibt es für mich wahrscheinlich gar kein Verfallsdatum.

Ich bin Zuhause und komme nicht an
Du lässt gar keinen Raum für Dein Zwerchfell! Als würdest Du darauf warten vor Schreck gleich die Luft anzuhalten… Für Dich erfinde ich den Begriff der Abwehratmung.“ Ich gehe jetzt zur Logopädin, weil ich nämlich ständig meine Stimme verliere. Dieser Zustand an sich trieft schon vor Symbolträchtigkeit. Und hinzu kommt, ich atme falsch. Zu angespannt. Sie sagt im Scherz immer zu mir „Na Du bist doch nicht auf der Flucht!“. Stimmt. Bin ich nicht. Aber ich fühle mich oft getrieben. Ich lauere. Bin hier aufgewachsen und komme nicht an, weil es so viele Umbrüche gab. Weil ich nie bleiben durfte. Biografisch nicht und die Geschichte macht auch nicht mehr Mut. Berlin ist mein Zuhause. Irgendwie. Aber es fühlt sich eben auch nach feindlicher Umgebung an. Manchmal als wolle es mich eigentlich nicht hier haben. Eine einseitige Liebe. Manchmal als wäre die Stadt und erstrecht das Land, zu der sie gehört, so ein Würfel in den Kinder Formen in die richtigen Öffnungen stecken können. Aber nirgends passt die Figur mit den sechs Spitzen rein. Wenn ich nach Israel komme kann ich erstmal atmen. Für ein paar Tage, dann stelle ich fest, dass in diesen Würfel zwar die Figur mit den sechs Spitzen passt, aber die Lesbe nicht. Ich könnte auch hier nicht leben. Und würde es auch nicht wollen.
Was bleibt? Wie so viele andere in die USA? Nach New York? Eine Stadt mit jüdischer und queerer Normalität? Ein Versuch? Doch was ist, wenn sich herausstellt, dass das nichts ändert? Das ich mich trotzdem weiter wundreibe, weil Sozialisation und Erfahrung nicht in dem Land bleiben, das mensch verlässt. Wäre ich damit ein hoffnungslos heimatloser Fall?
Oder noch schlimmer: Was ist, wenn es mir dort wirklich besser ginge als hier? Würde das nicht bedeuten ich muss meine Liebe Berlin endgültig verlassen, obwohl ich das eigentlich nicht will? Wäre das nicht das Urteil, dass ich nicht hören möchte?
Bleibe ich lieber Zuhause heimatlos? Oder mache ich mich von meiner Heimat los und suche ein (neues) Zuhause? Ich liebe Dich Berlin…

Bleiben und gehen ist eine Ambivalenz, die sich zwischen Realität und Gefühl bewegt. Meine Realität ist, ich werde nicht gehen. Mein Gefühl ist, ich weiß nicht, wie lange ich noch bleiben kann. Wie lange ich kann und darf. Wie lange ich es aushalte. Berlin ist eine Liebe, die nicht gut zu mir ist. Berlin gehört zu Deutschland. Das ist eine bittere Wahrheit, die ich spüre und nicht glauben will. Berlin ist deutsch und Deutschland ist kein guter Ort zum Leben als Jüdin. Zumindest oft. Und trotzdem werde ich bleiben. Erstmal.

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