Jüdische Bilder

Ich wurde vor ein paar Tagen nach einer Kurzbio und einem Bild von mir gefragt. Ersteres war nicht schwierig und auch bei der zweiten Bitte dachte ich, dass sei ja kein Problem. Ich hab tonnenweise Bilder von mir. Beim Durchsuchen meiner Galarie fing ich an darüber nachzudenken was für ein Bild ich will.

Angezogen. So viel war klar. Stark, tough, selbstbewusst. Eins, dass mich als Jüdin zeigt, als Kämpferin. Aber wie sieht eine jüdische Kämpferin aus? Darstellungen von Jüd_innen sind in ihrer Vielfältigkeit sehr limitiert. Wir sind Opfer, gutmütig, vergebungsvoll oder intellektuell in Denker_innenpose. Ich kenne wenige bildliche Darstellungen in der Öffentlichkeit, die Jüd_innen in Power-Posen zeigen. Die einzige Stärke, die inszeniert wird ist Scharfsinnigkeit, Intellekt. Als physische Erscheinung sind wir immer nur die Gefährdeten, nie die Gefährlichen; oft die Machtvollen, aber nie die Kraftvollen. Wir sind bedroht aber nie bedrohlich, zumindest außerhalb antisemitischer Darstellungen. Und auch da ist die Bedrohung, die von uns ausgeht keine physische. Wir sind nicht wütend, gewaltig, stark oder gar militant.

Es gibt wenige Ausnahmen. Magneto von den XMen zum Beispiel. Er ist stark, wütend, nicht versöhnlich, nicht nett. Er ist enttäuscht von der Menschheit und hat Superkräfte. Er bricht mit der typischen Darstellung. Er ist nicht zart oder vergeistigt. Er ich tough und gefährlich. Er ist nicht bedroht, ER bedroht. Auch wenn er als alter Mann nicht unbedingt durch Körperkraft besticht, ist seine Superkraft doch durchaus als physisch Kraft einzuordnen. Auch in „Inglourious Basterds“ dürfen Juden physische Stärke beweisen und sich rächen. Aber selbst diese Brüche sind nur möglich, weil es sich um Typen handelt.

Was ist nun also mit mir als Jüdin? Ich wollte kein Buch-Cover-Bild in schwarz-weiß, denkend, betont klar oder nett, freundlich, die assimilierte Jüdin von neben an. Ich wollte Kraft, Konfrontation, Angriffslust, Stärke, Widerstand, Wut, vielleicht sogar einen Hauch von Aggression. Und nicht auf geistiger Ebene, sonder physisch. Ich wollte ein Ich-bin-Jüdin-leg-Dich-nicht-mit-mir-an-sonst-hau-ich-Dir-auf-die-Fresse-Bild. Und das ganze natürlich in ästhetisch. Ich dachte well, so ein Drei-Finger-Ring mit Davidstern, der ein Bisschen wie ein Schlagring anmutet und dann die Faust zum Schlag erheben. So was gibt es natürlich nicht. Gleichzeitig wollte ich mir aber auch nicht eine Bildsprache aneignen, die ihren Ursprung in Widerstandssymboliken von PoCs und Schwarzen hat.

Es ist ohnehin schon schwierig aus dem wc-deutschen Gedenktheater auszubrechen, in dem klar ist, welche Rolle wir zu spielen haben. Und es wird noch viel schwieriger, wenn es keine oder kaum Bilder gibt, an denen wir uns orientieren können. Wenn für uns nirgendwo zu sehen ist, dass wir wehrhaft sein können und sind. Sehgewohnheit haben viel Einfluss darauf wie wir uns in Gesellschaft wahrnehmen, was wir glauben, wer wir sind und wie wir sein können. Wichtiger Bestandteil von Assimilation ist das Nettsein. Und wahrscheinlich ist es für wc-deutsche besonders wichtig uns als vergeistigt und versöhnlich und nicht als (physisch) stark darzustellen, denn sonst könnten wir (und sie) noch auf die Idee kommen, wir könnten uns irgendwann rächen. Sie könnten keine Sekunde mehr schlafen.
Wie cool wäre es sie zittern zu lassen! Ich will das! Wir brauchen Bilder von Jüdinnen, die nicht (mehr) nett und „nur“ klug sind. Ich will die Abwehr und die Abneigung, den Frust, die Verletzung sehen, weil sie da sind. Ich will wütende Jüdinnen in Kampfpose. Nicht nett sondern aufbegehrend, nicht (nur) intellektuell, nicht vergeistigt sondern als Verkörperung von Kraft und Stärke, physisch, greifbar, schmerzhaft. Ich will schreiende Jüdinnen, mit erhoben Fäusten, wütenden Blicken, kampfbereit, widerständig. Denn ich kann sie nicht sehen, aber ich weiß dass es sie gibt, die Esthers und Judiths und Miriams und Deboras und Jaltas der Gegenwart. Denn ich bin hier!

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2 Gedanken zu “Jüdische Bilder

  1. Vielen Dank für diesen Artikel, der mich zum Nachdenken angeregt hat darüber, welche Darstellungen von Jüd_innen ich eigentlich in meinem Gedächnis aufrufen kann – und ja, die Grenzen sind relativ schnell da. Ab jetzt wird in diesem gedanklichen Bildersammelsorium in jedem Fall auch dieses großartige Bild von dir auftauchen, was – wie du dir sicher denken kannst – das Repetoire um neue Facetten erweitert.
    Ich fand es auch spannend (< als Platzhalter für ein vielleicht passenderes Wort) in der aktuellen Jalta über Jalta und andere wütende Jüd_innen zu lesen – noch so viele Wissens-, Kenntnis- und Wahrnehmungslücken (bei mir) zu füllen.

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