Sommer in the City

Ich freue mich immer den ganzen Winter auf den Sommer. Bis er dann da ist. Für dicke Menschen sind heiße Tage besonders anstrengend. Es fängt morgens an, wenn ich das Radio anschalte und mir anhöre, wie irgendsoein Dude darüber philosophiert, dass dicke Menschen im Sommer angeblich besonders stinken (sic!). Sommer ist Bullshit-Time. Am laufend Band werde ich für meine dicken Beine, kurzen Röcke, freien Arme geshamed, beleidigt, angepöbelt, angestarrt. Sommer bedeutet ich kann entscheiden ob ich (noch mehr) schwitze (was dicke niemals sollten, weil ist ja eklig, wenn wir das tun), weil ich alles bedeckt halte, was andere so aufregt oder ich erlebe am laufenden Band öffentliche Erniedrigungen, die als völlig legitim erachtet werden, weil dicke Körper selbst Schuld und eine Zumutung sind (sic!). Ich erlebe vor allem skinny people, die den Sommer uneingeschränkt feiern. Denn für dicke Menschen ist, genauso wie zum Beispiel für trans* Personen mal einfach so baden gehen, mit möglichst wenig Stoff Vitamin D tanken und sich schwitzend im öffentlichen Raum zu bewegen nicht einfach so möglich. Auch sexistische Übergriffe steigen meiner Erfahrung nach im Sommer exponentiell an. Durch Schweiß und Reibung wunde Oberschenkel sind auch keine Freude. Und ganz ehrlich verschwitze Hände auf Plastikkrücken sind ebenfalls nicht gerade eine Wonne. Ich will nicht falsch verstanden werden: Auch ich mag den Sommer. Irgendwie. Aber es ist auch die Jahreszeit, in der ich am schnellsten ausbrenne, weil meine Ressourcen aufgrund von Microaggressions und offenen Beleidigungen ständig aufgebraucht werden. Die neue Mode-Beleidigung für dieses Jahr scheint übrigens die Frage nach „Elefantitis“ zu sein. Dies ist nicht nur ätzend für mich, sondern auch einfach eine wirklich beschissene Bezeichnung für eine wirklich schmerzhafte Erkrankung.

Gerade meine Beine scheinen Anlass für Zorn und Entrüstung zu sein. Schon als Kind und Jugendliche wurde mir beigebracht, dass ich nix tragen sollte, was nicht mindestens das Knie bedeckt. Ich habe angeblich besondern dicke Knie. Mindestens einmal täglich darf ich mir von Fremden anhören, wie eklig meine Beine sind. Und irgendwie ist meine harte Schale dieses Jahr besonders anfällig.

Auch deswegen, weil meine Beine nicht mehr das einzige sind, das ich gerade nicht nicht bedeckt/versteckt halte. Während ich mich letzten Sommer dazu entschlossen habe, immer ein Halstuch über meinem Davidstern zu tragen und er in den Wintern durch Kleidung und Schals in der Öffentlichkeit ohnehin verdeckt ist, trage ich ihn momentan „entblößt“ (zumindest wirken die Reaktionen von Außen so). Ich habe keine Lust mehr ihn zu verstecken, weil es warm und nervig ist und ja eigentlich unnötig sein sollte. Und natürlich ist es das nicht. Es scheint eine neue Form der Entblößung und Nacktheit zu sein. Dabei fühle ich mich so selten nackt in meinem Körper. Aber es gibt Blicke, die es schaffen, dass ich mich „blank“ fühle – das angewiderte Starren auf meine Beine (und manchmal Arme) und auf meinen sichtbaren Davidstern. Leute wollen in der Bahn nicht neben mir sitzen, weil sie von meinen Beinen angewidert sind und eine Nazi-Kleinfamilie weigert sich mit mir den gleichen Fahrstuhl zu verwenden und zeigen zur Erklärung auf den Stern und sagen „nicht mit der da“. Dinge die zu mir gehören erzeugen Ekel und das ist ein furchtbares Gefühl!

Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob die Sonnenenergie, nach der es mich den ganzen Winter über dürstet, reicht um den enormen Energieverbrauch durch all die Aggressionen, die Wut und Entmenschlichung, die mir im Sommer entgegenschlägt auszugleichen. Gerade freue ich mich auf jeden Fall auf den Winter, weil ich es leid und müde bin. Weil mein Selbstbild leidet und ich auch. #Sommermüdigkeit

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2 Gedanken zu “Sommer in the City

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