Haut und Fleisch und doch k_ein Körper

 

Mein Körper ist eine Landkarte der Wege, die ich gegangen bin. Der Unwegsamkeiten und Veränderungen. Der Trauer und Wut, der Misshandlungen und Freuden meines Lebens. Mein Körper und ich haben eine gemeinsame Geschichte mit Höhen und Tiefen und wir sind im wahrsten sinne des Wortes zusammen gewachsen. Die blasse Haut, die mir Sicherheit gibt; die dunklen Locken, die ich selten offen trage, weil Menschen nerven; die knubbeligen Zehen die ein Eigenleben haben/hatten; die Hände, die nicht grazil, aber liebenswert sind. Die permanent angespannten Schultern, der schöne weiche Bauch, der tätowierte Rücken, die großen, schönen und in ihrem Leben noch nie straff gewesenen Brüste, der Nähte sprengende und ganz und gar fantastische Hintern, meine atemberaubend schönen kratrig-hügeligen Beine, meine etwas zu ungeliebten Arme und 100te von kleinen und großen Narben. Mein Körper hat sein eigenes Gedächtnis, seine eigenen Erinnerungen, seine eigenen Souvenirs. Die Narbe unter dem Kinn vom Spielen mit meiner Mutter. Die Weggabelungen gerissener Haut als Andenken an meine Veränderungen. Die Narbe an meinem Oberschenkel als Sinnbild, dass ich meinen Vater überlebt habe. Die Narben an meinen Armen als Erinnerung, dass Wut und Trauer und Verzweiflung ein Teil meines Lebens sind. Die vielen kleinen hellen kaum noch sichtbaren Pünktchen unter meinem Knie, als Mitbringsel von einem Tag, an dem ich mit Freund_innen etwas zu stürmisch, aber voller Freude und Freiheit und Glückseligkeit durch Wiesen gerannt und auf meinen Knien gelandet bin. Die große Narbe an meinem Rücken, als sie mich aufschnitten und sich alles verändert hat.

Ich habe meinen Körper immer als Kunst, als Ausdruck meines Selbst, manchmal als Bürde, aber immer als lebendig empfunden. Wer das „Vorher“ kennt und mal eine Nacht mit mir in einem Bett verbracht hat, weiß, dass meine Füße und Zehen kurz vor dem einschlafen liebenswerte, eigensinnige Kreaturen sind/waren. Wer das „Vorher“ kennt und mit mir Nähe geteilt hat, weiß wie meine Hüften sich zwischen Händen und Schenkeln winden/wanden, wenn ich erregt war. Wer das „Vorher“ kennt, weiß dass ich neben der tollpatschigen auch die Rolle der anmutigen, grazilen Dicken perfekt ausfüllen konnte.

Doch inzwischen sieht unser Leben anders aus. Ein anderes Leben. Oft flammt diese Liebe zwar noch auf und ich berühre die Andenken und Landmarken meines Körpers und erinnere mich voller Liebe und Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit. Aber wir sind wie ein Paar, das sich daran erinnert wie schön es mit einander war und doch spürt, dass es sich auseinandergelebt hat. Meistens irgendwie gereizt aufeinander reagiert, mit dem Gefühl nicht mehr die selbe Sprache zu sprechen. Die Steifheit, die Schmerzen, die Lähmung und Taubheit, all das fühlt sich fremd, fern, nach einem anderen Körper an. Ich habe nur noch wenig Geduld für mein Gewandt aus Haut und Fleisch, kann ihm das nicht-reagieren nicht verzeihen. Bin so voller Wut, dass er mir Grazie, Empfindung und Mobilität verweigert. Es ist nicht mehr – Wir gegen die Welt – , sondern an viel zu vielen Tagen – Wir gegeneinander-. Die Hüften haben ihren Schwung verloren. Seit die Artgenossen auf der linken Seite aufgehört haben zu reagieren, haben auch die rechten Zehen aufgehört zu spielen. Es ist, als wäre die Weichheit und Flexibilität, die Beweglichkeit, das Fließen und die Wogen zu denen mein Rücken, meine Hüften, mein Becken fähig waren durch ein 1cm dickes Brett ersetzt worden. Ich entwickle keine liebevolle Beziehung zu der neuen Narbe auf dem Rücken. Sie ist kein Geschenk, keine liebevolle Erinnerung. Stattdessen erschrecke ich mich, ekle mich manchmal sogar, wenn ich sie berühre. Es ist als wären mein Körper und ich all die Jahre gemeinsam auf der gleichen Reise gewesen und dann bin ich abgebogen oder er – ohne einander mitzunehmen. Jetzt stehe ich hier. Verloren, verlassen, einsam. Als wäre etwas (ab)gestorben, dass nun als Mahnmal an mir klebt. Obwohl es die gleiche Haut, das gleiche Fleisch ist – der Zauber ist verflogen. Ich trauere und trauere. Um die Liebe und Erotik, die Liaison zwischen mir und meinem Körper. Und ich kann nicht ausmachen: hat er mit mir Schluss gemacht, in dem Moment, wo er mir das Laufen, die Beweglichkeit versagt hat und nur der Schmerz geblieben ist oder hab ich ihn im Stich gelassen, als er mich, meine Zuwendung, meine Aufmerksamkeit und meine Wertschätzung am meisten gebraucht hätte? Wer hat wen verraten? Im Stich gelassen? Ich frage ihn, schreie ihn an, aber er reagiert nur mit Starrheit.

 

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