Namen sind nur Qual und Lauch

Jede Person, die sich mit queerfeministischen Politiken befasst und zwar nicht nur in der Theorie, sondern auch ganz praktisch, stellt irgendwann fest, dass Namen ein hoch politisches Thema sind. In Bezug auf ungefähr alle Dimensionen, die in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen stehen. Zumindest in Bezug auf Gender, Race und Klasse sind die Diskurse dazu sehr eindeutig. Ich saß also heute bei einem Stück Pizza und dachte über Namen nach. Eigentlich dachte ich über meinen Hund, den Pudel nach. Der Pudel hat ungefähr eine Millionen Namen: Zum Beispiel „Pudel.“ In den Papieren steht „Lola“, die Familie, bei der ich sie abgeholt habe hatte sie in „Prinzessin“ umgetauft. Ich bin zurück zu „Lola“ (weil ich keine Lust hatte mir einen Namen auszudenken und ich „Prinzessin“ nicht so super fand), meistens nenne ich sie jedoch „Kröte“, „Frosch“, „Arschgeige“, „Hund“ oder alles was mir gerade einfällt. ‚Die Kids‘ nennen sie „Cola“, die mittlere Schwester „Loli“, die jüngste Schwester „Wuschel-Puschel“, „Flausche-Pausche“ oder „Pupskugel“. Es gibt von verschiedenen Seiten noch „Arschkeks“, „Lola-Bär“, „Toddler“, „das Tier“ oder „Trethupe“. Und irgendwie wissen wir immer alle, von wem wir reden. Ich mag die Idee, dass der Pudel so fluide Namen hat.
Dann ist mir aufgefallen, dass das auch für mich gilt. Meine Mutter nannte mich meistens „Rübe“ und ich kann mich nicht erinnern, dass mein leiblicher Vater mich jemals überhaupt mit Namen angesprochen hätte, sondern einfach mit „Du“, wie in „kommst Du bitte sofort her!“ und selbst, in Zeiten in denen wir nicht allein gelebt haben, war immer klar, dass ich gemeint bin. Der Ton, der Ton… Meine Pflege-Familie hat über die Jahrzehnte eine furchtbare Verunstaltung meines Namens tradiert. Seit sie allerdings versuchen sich umzugewöhnen, bin ich fast traurig, dass es die Scheußlichkeit an Abkürzung bald nicht mehr geben wird. Denn sie sind die einzigen die mich so nennen und irgendwie ist das auch schön. Meine Mutter hat sich bei meiner Namensgebung für die eingedeutschte Variante meines Namens entschieden, weil sie Sorge hatte, dass niemand in Schland ihn sonst richtig aussprechen könnte. Das ist witzig, denn ungefähr 95% aller Deutschen sprechen die eingedeutschte Variante falsch aus. Aber auch darauf höre ich. Meine Familie in Israel und einige Friends, sowie eine meiner Lieben verwendet die nicht-eingedeutschte Version, was ich sehr schön finde und schwierig ist die eigentlich auch nicht. Außerdem hieß ich in der Vergangenheit schon Fritz (allerdings geschrieben Vryds), Fritzi, Fräulein Fritzi, Entchen, Debs-Darling und Psycho-Braut (das war nicht so nett!). Die meisten meiner Freund_innen haben etliche Namen. Spitznamen, Kosenamen, Abkürzungen, selbstgewählte Namen, umgestaltete Namen, Vornamen, Nachnamen, Rufnamen, Pseudonyme, Künstler_innennamen, Kontextnamen… Oft nutzen nicht einmal die Herkunftsfamilien die Namen, die im Pass stehen, sondern Koseformen, Abkürzungen oder Familien-Indsider. Aber wenn es darum geht, dass Menschen Namen ändern, sich für andere Namen entscheiden oder aus welchem Grund auch immer irgendwann einfach anders heißen, sind es die gleichen Leute, die so tun, als wären Namen etwas statisches – unveränderlich und nicht prozesshaft. Dabei habe ich selten Familien erlebt, in denen konsequent alle 10 Vornamen in voller Länge genutzt wurden um eine Person anzusprechen oder über sie zu reden. Namen werde dann wichtig und statisch und unveränderlich, wenn eine Namens_Ver_Änderung Gesellschaftsverhältnisse in Frage stellt. Wenn die Prozesshaftigkeit von Namen plötzlich zum Sinnbild für nicht-systemkonformes Verhalten und Leben wird. Denn Debatten um Namen, z.B. in Bezug auf Gender sind Stellvertretungsdebatten und wir alle wissen es. Aber besonders deutlich wird es eben, wenn wir uns bewusst machen, dass Umgänge mit Namen in den seltensten Fällen statisch sind – auch innerhalb der Norm.

Dann viel mir ein Gespräch ein, an dem ich mal beteiligt war: Eine Person schlug vor einen Pool von Namen zu nutzen, die immer in der gleichen Reihenfolge vergeben werden und wenn es von vorne los geht, über die Ergänzung einer Generation o.ä. zu markieren, wer gemeint ist. Ich finde die Idee nicht grandios und erinnere mich auch nicht mehr, worum es eigentlich ging, aber die Reaktionen waren spannend: Das sei zu unindividuell, zu limitierend zu leicht zuordenbar und überhaupt. Und ich denke so: liebe Sophie-Charlotte, ich brauche dieses System nicht, um Dich über Deinen Namen relativ sicher in eine Generation, eine Schicht und einen globalen Kontext einordnen zu können! Namen sind ein Ordnungssystem und machen häufig klare Aussagen z.B. über Klassenzugehörigkeiten, lieber Lasse-Yorick. Denn generell ist Individualität bei Namen ein Aberglaube. Und die Idee von Individualität im Allgemeinen ein westliches Konzept. Global gesehen gibt es sehr unterschiedliche Konzepte zur Namensgebung und oft steht eben nicht die ‚Individualität‘ im Vordergrund, sondern Zugehörigkeiten und andere Faktoren, die Gesellschaften strukturieren. Und auch unter Lauchs hat Namensgebung viel mit Abgrenzung, Status und Zugehörigkeiten zu tun, das bekommen sie nur selber nicht mit. Ganz im Gegenteil: wenn es um die eigene unhinterfragte Identität geht, werden Namen angeblich zu Schall und Rauch. Wer aber mit der Norm bricht und am eigenen Körper und der eigenen Identität erlebt hat, wie marginalisierte Positionen durch restriktive Namenspolitiken sanktioniert werden, der_die weiß z.B. dank Rassismus, Trans*feindlichkeit und Klassismus: Namen sind oft vor allem Qual dank Lauchs.

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