Fremd_Körper

Eine Bestandsaufnahme:
Ich habe zehn Zehen, gleichmäßig verteilt auf zwei Füße. Ich habe zwei Beine, einen Hintern, einen Bauch, einen Rücken, zwei Arme, zwei Hände, zehn Finger, zwei Schultern, zwei Brüste, einen Hals, einen Kopf, zwei Augen, zwei Ohren, eine Nase mit einem (von anderen aus gesehen) leichten Linksdrall, einen Mund und auf dem erwähnten Kopf irrwitzig viele Haare. Kurz um: ich habe einen Körper. Und auch, wenn ich kein Fan von Besitz-Zuschreibungen bin, es ist MEIN Körper. Ich mag meinen Körper sehr gern und auch wenn ich uns nicht als Einheit verstehe, bilden wir doch eine sehr harmonische Symbiose.
Ich habe nun über 20 Jahre mit diesem Körper hinter mir. Habe ihn dabei, wo immer ich bin. Erlebe mich in diesem Körper immer wieder neu. Erlebe, wie sich die Wahrnehmung meines Umfeldes in Bezug auf meinen Körpers ändert.

Ich habe früh gelernt, dass ich ein dickes Kind bin. Hosen kaufen war mein Horror, weil ich sicher sein konnte, dass meine Großmutter ein ausschweifendes Gespräch mit der verkaufenden Person anfangen würde, dessen Inhalt die Unmöglichkeit wäre, eine Hose zu finden, in der ich nicht „unvorteilhaft“ aussähe. Meine Großmutter behielt das bei bis ich 16, vielleicht 17 war. In der Zwischenzeit passierte um mich herum aber etwas ganz anderes. Etwa mit 13 fingen Menschen an meinen Körper zu sexualisieren. Ich wurde angesprochen, angegraben, angefasst. Männer holten sich in Bahnen und Bussen vor mir einen runter. Ständig hielten Autos neben mir und Typen kurbelten das Fenster runter um Dinge zu sagen, die ich nicht wirklich verstand, aber um ihre Bedeutung wusste. Ich war vierzehn, als der Vater einer Schulfreundin versuchte mich an ihrem Geburtstag zu küssen. Fünfzehn, als es ihr Stiefvater versuchte. Ich ging Umwege von der Schule aus nach Hause, weil in dem Lebensmittelladen bei uns um die Ecke einer der Verkäufer immer auf mich wartete und mich nicht in Ruhe ließ. Meine Freund_innen fanden es seltsam, dass immer so „alte Typen“ mich „anmachten“ und wenn ich ehrlich gewesen wäre, ich auch. Wenn mensch es „positiv“ interpretieren möchte, wurde mein Körper als „schön“, „erotisch“, „begehrenswert“, als Projektsfläche sexualisierter Fantasien gelesen. Aber ich kann und konnte und will es nicht „positiv“ sehen. Und ich sah meinen eigen Körper auch so gar nicht so. Ich konnte manchmal nicht mal sagen, wo mein Körper anfängt und wieder aufhört, weil ich nicht das Gefühl hatte, es wäre MEIN Körper. Viel eher empfand ich ihn als so eine Art Allgemeingut.
Dazu kam, dass mein Körper so gar nicht so auszusehen schien, wie ich ihn wahrnahm. Wenn ich mich selbst gemalt habe, waren da keine Brüste, keine „weiblichen*“ Formen, keine Kurven. Da waren breite Schultern, eine Dreiecksform, eine schmale Hüfte. Die Bilder wurden als „männlich*“ interpretiert und niemals als ich. Dabei fühlte ich mich nicht als Mann*, aber ich fühlte auch nicht all das, was als übermäßig frauisiert gelesen wurde.

Doch ich war scheinbar nicht die einzige, die meinen Körper anders wahrnahm. Ich habe an anderer Stelle einmal geschrieben, wie meine Stiefmutter von meinem Körper zu Kinderzeiten spricht. Ich sei so dick gewesen, dass ich nicht richtig hätte laufen können. Ich sei so breit wie hoch gewesen. Solche Dinge. Nachdem ich mir neulich Kinderfotos von mir angeschaut habe, weiß ich nicht von welchem Kind sie spricht. Ich würde diese Kinderbilder von meinem 9. Bis zu meinem 15. Lebensjahr (denn um diesen Zeitraum geht es etwa) gerne allen Menschen zeigen und sie fragen, was sie sehen. Ich sehe kein dickes Kind. Auf keinem der Bilder. Vielleicht ist meine Perspektive die falsche, vielleicht sind es Bilder, die einen falschen Eindruck vermitteln oder vielleicht ist es die Wahrnehmung meiner Stiefmutter, die von anderen Dingen, als tatsächlich von meinem Körper, beeinflusst war.

Warum schreibe ich all dies? Ich habe neulich einen wirklich sehr persönlichen Satz gehört: „Mein Körper ist für mich nicht konfliktfrei“. Der Satz hat mich berührt, auch wenn er nicht meine Situation beschreibt. Er benennet vorrangig den eigenen Konflikt mit dem eigenen Körper, aber es geht dabei auch um Lesarten des eigenen Körpers. Ich führe diesen Konflikt auf_mit_über meinen Körper mit anderen.
Ich liebe meinen Körper in der Gegenwart sehr. Ich erlebe ihn als Kunst, die ich inszeniere. Er ist schön. Ich sehe heute jede Kurve, jede Biegung, jeden Schwung meines Körpers und finde sie unbeschreiblich schön. Ich mag und verstehe ihn, so überzogen das klingen mag, als kunstvoll. Ich bin nicht mein Körper, aber er gefällt mir. Er ist für mich eine Kostbarkeit, ein Kleinod vielleicht. 
Umso verstörender ist es, wenn ich erlebe, wie anders er auch heute noch wahrgenommen wird. Als Künstlerin wird mir ein „obwohl meines Körpers“ statt eines „Wegen meines Körpers“ zugeschrieben. Ich werde als „mutig“ beschrieben, wo ich keinen Mut sehe, weil ich meinen Körper nicht aus Mut, sondern aus Gefallen so präsentiere, wie ich es tue. Ich erlebe, wie Menschen von meiner „Nacktheit“ irritiert sind und bin selbst irritiert, weil ich mich in meinem Körper so gut angezogen fühle. Mein Körper ist für mich eher elegante Garderobe, als unbekleideter Mensch und es ist seltsam verletztend, wenn er als „nackt“ gelesen wird.

Mein Körper ist ein Schmuckstück, dass leider all zu oft durch falsche oder Über_Interpretation glanzlos gemacht wird.
Ich habe zehn Zehen, gleichmäßig verteilt auf zwei Füße. Ich habe zwei Beine, einen Hintern, einen Bauch, einen Rücken, zwei Arme, zwei Hände, zehn Finger, zwei Schultern, zwei Brüste, einen Hals, einen Kopf, zwei Augen, zwei Ohren, eine Nase mit einem (von anderen aus gesehen) leichten Linksdrall, einen Mund und auf dem erwähnten Kopf irrwitzig viele Haare. Ich habe einen Körper und NICHTS an ihm ist ist Allgeingut. Er ist nicht Nacktheit und nicht Sexobjekt. Er ist Kunst, Ästhetik und Ausdrucksform. Er ist nicht „weiblich“, als Gegenstück zu „männlich“, nicht dick, und nicht ich, aber ein Teil von mir.
Er ist Körper und Abendkleid und er ist wunderschön.

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